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Vorab: Kurt Braatz liefert mit seinem neuen Buch wieder eine hervorragende zeitgeschichtliche Darstellung ab, die jenseits des “Falls” Mölders viele Leser interessieren sollte. Dazu gehören auch tiefe Einblicke in die Wehrmacht und besonders in deren Luftwaffe.
Die Biographie hat einen zweifachen Anfang: Mölders - ein unbedeutender Soldat und ein rätselhafter Mensch. Das Erstere wäre eine Biographie nicht wert und ist daher nur der Einstieg. Mölders Entwicklung und Bedeutung als Offizier wird dann nachvollziehbar entwickelt. Das Zweite, das Rätselhafte in seinem Wesen, werden diejenigen Leser eher durchschauen, die sich mit den Lebensumständen der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts schon einmal befasst haben und vor allem wissen wollen, ob die langjährige Mölders-Tradition in der Bundeswehr zu rechtfertigen war und immer noch begründet ist. Die Biographie geht indessen gleichermassen auf den Privatmann Mölders ein und zeigt: Sein Leben, sein Denken und Handeln beweisen Kontinuität und Stärke, sie lassen aber - wie bei allen Menschen und deshalb nicht überraschend - auch Brüche und Schwächen erkennen. Braatz versteht es, ein solches Leben zu erfassen und in seinen Zeitumständen einleuchtend zu schildern; zum Schluss ist Mölders´ Persönlichkeit so weit enträtselt, dass man dem Historiker Dr. Horst Boog zustimmen kann: “Er liegt doch vor uns wie ein offenes Buch.”.
Bei der Beurteilung der Traditionswürdigkeit des Offiziers und Jagdfliegers Mölders - dem widmet sich moelders.info mit dem Ziel eines Beitrags zu zeitgemässer Traditionsbildung - kommt es nicht nur auf die dienstliche Haltung und Leistung an. Nachdem Mölders Dienst und Privates stets getrennt hat, ist seine ethische und politische Prägung kaum aus dienstlichen Quellen herauszufiltern. Private Äußerungen und Verhaltensweisen müssen Aufschluss geben, welchen Leitvorstellungen er folgte und ob er sich - auch wenn ganz offenkundig selbst kein Nazi - mit dem NS-Regime persönlich eingelassen hat. Dabei steht der Biograph vor schwierigen Fragen: Dürfen im privaten Umgang benutzte Formulierungen auf die Goldwaage gelegt werden? Sind sie ein Zwischenstadium oder das gültige Ergebnis eingehender Überlegungen? Und wo keine Äusserungen bekannt sind: Ist da zu folgern, dass Mölders kein Urteil über die Vorgänge im Dritten Reich hatte oder sie sogar billigte?
Braatz macht es sich nicht leicht, hält sich fern von ungesicherter Überlieferung und urteilt kritisch. Um so wertvoller ist sein schlüssiger Nachweis, dass Mölders sich nicht - wie von der Linken behauptet - bereitwillig in den Dienst der NS-Propaganda gestellt hat und auch das erste Forell-Buch “Mölders und seine Männer” von 1941 - entgegen der MGFA-Unterstellung - nicht im Auftrag des Propagandaministeriums entstanden ist. Ebenso überzeugend gelingt die Darstellung der Hoffnungen, die Mölders nach dem Chaos und Niedergang in der Weimarer Republik auf die neue Regierung setzte, der Ernüchterung in der politischen Wirklichkeit des Dritten Reichs, des geistig-seelischen Rückzugs auf - in dieser Prioritätenfolge - Dienst und Privates, bis er sich offen und mit seinem ganzen persönlichen Ansehen für die “halbjüdische” Familie Küch einsetzt, sich in Wort und Tat öffentlich als Katholik bekennt, schliesslich mit Göring und - inzwischen selbst dazugehörig - mit der Luftwaffenführung bricht. Dr. Braatz: “Unter den jungen Frontoffizieren der Luftwaffe ragten drei heraus, die das Potential für höchste Führungsaufgaben hatten: Mölders, Lützow und Galland. ... Mölders hatte zweifellos das charakterliche und moralische Rüstzeug, um eines Tages kompromißlos Front gegen die Führung zu machen. Ich schrieb in meinem Vorwort, daß sein Leben viel versprach, und darin liegt seine Tragik: Er starb, bevor er in die Lage kam, dieses Versprechen einzulösen.”
Sympathisch: Ohne an Neutralität einzubüssen, lässt der Autor sich wie schon die damaligen Zeitgenossen und Weggefährten von den ausgeprägten Wesenszügen einnehmen, die Mölders zu Lebzeiten Wohlwollen, Freundschaft, Bewunderung und Verehrung eingetragen haben.
Im Ergebnis ist die Biographie eine Zeitstudie, die dem wissenschaftlichem Anspruch genügt, zugleich aber ein sehr menschliches Buch, das der ganzen Persönlichkeit Mölders´ gerecht wird. Das Buch zeigt, dass Mölders der hervorragende Offizier, Vorgesetzte und Flieger war, den wir aus der Überlieferung schon kennen. Ebenso beschreibt es einen durch und durch christlich geprägten, national-konservativ erzogenen jungen Mann, dem es schwer fiel, sich unter dem atheistischen NS-Regime zurechtzufinden. Parallelen zu den national-konservativen Offizieren, die später im Widerstand gegen Hitler aktiv geworden sind, liegen auf der Hand. Es ist fraglich, ob Mölders die Gelegenheit bekommen und sie auch genutzt hätte, zu ihnen zu stossen. Aber eine vergleichende Betrachtung der Lebensläufe von den zwanziger Jahren bis zu Mölders´ Sterbejahr 1941 wäre eine weitere erfolgversprechende Aufgabe für die Geschichtswissenschaft.
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