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Biographie

Kurt Braatz hat 2008 eine einzigartige Mölders-Biographie veröffentlicht (NeunundzwanzigSechs Verlag, Postfach 1132, 85360 Moosburg, ISBN 978-3-9811615-3-3). und zwar unter Mitwirkung von Luise Petzolt-Mölders. Sie stellte ihre umfangreichen, zuvor nicht ausgewerteten persönlichen Unterlagen zur Verfügung und reicherte das Buch mit ihren Erinnerungen an. Die ganz besondere Verbindung zwischen Werner Mölders und seiner Frau Luise wäre guter Stoff für einen bewegenden Spielfilm. Für die MöldersInfo ist aber die Schilderung vorrangig, die den Soldaten Mölders kennzeichet.

Vorab: Braatz liefert mit dieser Biographie wiederum eine hervorragende zeitgeschichtliche Darstellung ab, die jenseits des Falls Mölders viele Leser interessieren sollte. Dazu gehören tiefe Einblicke in die Wehrmacht und besonders in deren Luftwaffe.

Braatz hat eine Reihe von (Auto-) Biographien ehemaliger Fliegeroffiziere verfasst oder herausgegeben, die vor 1945 in der Luftwaffe gedient haben, einige von ihnen dann später in der Bundeswehr. Mit diesen Büchern liegt eine Fülle von zeitgeschichtlichem “Material” vor: Es überwindet eine in der Geschichtswissenschaft für die Periode des Nationalsozialismus vorherrschende Einengung auf politische Vorgänge und bekannte Personen, wie Göring, Milch und Udet, und ist deshalb besonders wertvoll. Damit wird zugleich eine Antwort auf die Frage gegeben, inwieweit - den politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts  zum Trotz - die deutsche Geschichte und die Tradition seiner Streitkräfte von Kontinuität geprägt sind.

Die Mölders-Biographie hat einen zweifachen Anfang: Ein unbedeutender Soldat und ein rätselhafter Mensch. Das Erste wäre eine Biographie nicht wert und ist daher nur der Einstieg. Mölders´ Entwicklung und Bedeutung als Offizier wird dann nachvollziehbar entwickelt. Das Zweite, das Rätselhafte in seinem Wesen, werden diejenigen Leser leichter durchschauen, die sich mit den Lebensumständen der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts schon einmal befasst haben und wissen wollen, ob die jahrzehntelange Mölders-Tradition in der Bundeswehr zu rechtfertigen war und immer noch begründet ist. Die Biographie geht intensiv auf beide ein, den Fliegeroffizier und den Privatmann Mölders, und zeigt: Sein Leben, Denken und Handeln beweisen Kontinuität und Stärke, sie lassen aber - wie bei allen Menschen und deshalb nicht überraschend - auch Brüche und Schwächen erkennen. Braatz versteht es, ein solches Leben zu erfassen und in seinen Zeitumständen zu schildern. Zum Schluss ist Mölders´ Persönlichkeit so weit enträtselt, dass man dem Historiker Dr. Boog zustimmen kann: “Er liegt doch vor uns wie ein offenes Buch.” Es hat nach der Veröffentlichung der Biographie im Detail noch neue Erkenntnisse gegeben und es wird weiter geforscht; aber das hier vermittelte Bild seiner Persönlichkeit wird Bestand haben.

Mölders hat Dienstliches und Privates stets, meist recht strikt getrennt. Daher ist seine ethische und politische Prägung kaum aus dienstlichen Quellen herauszufiltern. Private Äusserungen und Verhaltensweisen müssen Aufschluss geben, welchen Leitvorstellungen er folgte und ob er sich - ganz offenkundig selbst kein Nazi - mit dem NS-Regime persönlich eingelassen hat. Deshalb steht der Biograph vor schwierigen Fragen: Dürfen im privaten Umgang benutzte Formulierungen auf die Goldwaage gelegt werden? Sind sie ein Zwischenstadium oder das gültige Ergebnis eingehender Überlegungen? Und wo keine Äusserungen bekannt sind: Ist da zu folgern, dass Mölders kein Urteil über Vorgänge im Dritten Reich hatte oder sie sogar billigte?

Braatz macht es sich nicht leicht und dies ist ihm zu danken. Er hält sich von ungesicherter Überlieferung fern und urteilt im Zweifel lieber kritisch. Um so wichtiger ist sein schlüssiger Nachweis, dass Mölders sich nicht selbst in den Dienst der NS-Propaganda gestellt hat und auch das erste Forell-Buch “Mölders und seine Männer” von 1941 - entgegen der Unterstellung in einem MGFA-Sondergutachten - nicht im Auftrag des Propagandaministeriums entstanden ist. Ebenso überzeugend gelingt die Darstellung der Hoffnungen, die Mölders nach dem Chaos und Niedergang in der Weimarer Republik auf die neue Regierung Hitlers setzte, der Ernüchterung in der politischen Wirklichkeit des Dritten Reichs, des geistig-seelischen Rückzugs auf den Dienst, bis er sich offen und mit seinem ganzen Ansehen für die “halbjüdische” Familie Küch einsetzt, in Wort und Tat als Katholik bekennt, schliesslich mit Göring und - inzwischen selbst dazugehörig - mit der Luftwaffenführung bricht. Braatz: “Unter den jungen Frontoffizieren der Luftwaffe ragten drei heraus, die das Potential für höchste Führungsaufgaben hatten: Mölders, Lützow und Galland. ... Mölders hatte zweifellos das charakterliche und moralische Rüstzeug, um eines Tages kompromisslos Front gegen die Führung zu machen. Ich schrieb in meinem Vorwort, dass sein Leben viel versprach, und darin liegt seine Tragik: Er starb, bevor er in die Lage kam, dieses Versprechen einzulösen.”

Sympathisch: Ohne an Neutralität einzubüssen, lässt sich der Autor wie schon die Zeitgenossen und Weggefährten  von den ausgeprägten Wesenszügen einnehmen, die Mölders zu Lebzeiten Wohlwollen, Freundschaft, Bewunderung und Verehrung eingetragen haben.

Im Ergebnis ist die Biographie eine Zeitstudie, die dem wissenschaftlichen Anspruch genügt, zugleich ist sie ein sehr menschliches Buch geworden. Es beschreibt einen christlich erzogenen jungen Mann, dem es schwer fiel, sich unter dem atheistischen NS-Regime zurechtzufinden und der dennoch Herausragendes geleistet hat. Parallelen zu den national-konservativen Offizieren, die später im Widerstand gegen Hitler aktiv geworden sind, liegen auf der Hand. Eine vergleichende Betrachtung der Lebensläufe von den zwanziger Jahren bis zu Mölders Sterbejahr 1941 wäre eine weitere lohnende Aufgabe für die Geschichtswissenschaft.

 

Rezension

Dr. Horst Boog, ehem. Leitender Wissenschaftlicher Direktor im MGFA (Freiburg/Brsg) und international geschätzter Historiker mit dem Arbeitsschwerpunkt Luftkrieg, hat in der “Jungen Freiheit” seine Rezension der Mölders-Biographie veröffentlicht. Sie wird hier in etwas gekürzter Fassung wiedergegeben: Rez_Boog

Brief an den Autor

Generalleutnant a.D. Bernhard schrieb in einem persönlichen Brief, dessen auszugsweiser Wiedergabe er zugestimmt hat, an Dr. Braatz:” ... Von Seite zu Seite wurde ich mehr gefesselt ... von dem Erfolg Ihrer Recherchen - nicht nur über Mölders, auch über die damalige Zeit und die Luftwaffe. Das ganze Spektrum des Geschehens wird gegenwärtig ...

Sie wissen, daß ich das letzte Kriegshalbjahr als junger Flugzeugführer der III./JG 53 angehörte, deren erster Kommandeur Mölders einmal war. In dieser Gruppe, in den Staffeln, als Adjutant und im Stabsschwarm traf ich mit Männern aller Dienstgrade zusammen, die ihn noch persönlich gekannt hatten. In vielen Gesprächen mit ihnen über das zurückliegende Kriegsgeschehen der III. Gruppe hatte sich auch meine Vorstellung über diesen Offizier gebildet. Nach dem Krieg traf ich mit manchem der von Ihnen erwähnten Zeitzeugen zusammen, die meine eigenen Erlebnisse und Eindrücke ergänzen konnten. Durch Ihr Buch, durch Mölders´ eigene Tagebuchnotizen, Ihr Psychogramm über ihn, ist Mölders mir auf einzigartige Weise bildhaft geworden. Ich verstehe jetzt besser und mehr, warum die Männer, die ihn erlebt hatten, so anerkennend über ihn sprachen. Er besaß offensichtlich als Mensch und Vorgesetzter eine ganz besondere Ausstrahlung. ... sein Spitzname ... und worauf er beruhte, “Vati” paßte einfach zu ihm und hat eben genau dem Gefühl der Soldaten entsprochen, die seiner Führung anvertraut waren. Das war beispielhafte Menschenführung.

Zwischen den Zeilen Ihres Buches spürt man den Wandel, den Mölders mit dem Wechsel vom Heer zur Fliegertruppe, durch das Spanien-Erlebnis, den Luftkrieg in Frankreich und am Kanal, sowie schließlich in Rußland durchlebt hat. ... Mölders´ Leben enthält geradezu tragische Züge. ... Sie haben sehr sparsam kommentiert, um die Fakten sprechen zu lassen. ... Mich hat das sehr überzeugt und ich weiß es zu deuten. ...