Web Design
Der 2.Tod

Werner Mölders´ Grab auf dem Invalidenfriedhof in Berlin. Gegenüber das Grab von Ernst Udet: “Des Teufels General” (Zuckmayer)

Der Autor der Mölders-Biographie, Dr. Kurt Braatz, hat 2005  zur “Entnamung”  des Jagdgeschwaders 74 einen Artikel geschrieben unter dem Titel “Der zweite Tod des Werner Mölders”. Aus diesem Artikel drei Auszüge:

Zu der Frage, warum Mölders überhaupt je als Vorbild für die Armee eines demokratischen Rechtsstaats erachtet worden war, verweist Braatz auf die Erinnerungen von Generalleutnant a.D. Rall, ehemaliger Inspekteur der Luftwaffe: “Zweifellos taugt nicht jeder, der in einer deutschen Uniform flog, zum Vorbild für Soldaten in einer wehrhaften Demokratie; umgekehrt allerdings führt die Totalentsorgung aller Tradition, die in die Zeit vor 1945 zurückführt, ebenfalls auf einen falschen Weg. Auch in einem unmenschlichen System gab es menschliche Truppenführer, Männer von Charakter, die sich schützend vor ihre Soldaten stellten und - oft verzweifelt und unter persönlichen Gefahren - versuchten, Ideologie und Haß aus ihren Reihen fernzuhalten. Sie waren, um ein Wort des Philosophen Theodor Adorno zu nehmen, zu einem richtigen Leben im falschen verdammt: ohne die Möglichkeit, einfach auszusteigen und ohne die Chance, Grundsätzliches an den Verhältnissen ändern zu können. Sie in den toten Winkel der Geschichtsbetrachtung zu verbannen hieße, den jungen die Chance zum Nachdenken und Lernen zu nehmen. Als ich 1973 dem Jagdgeschwader 74 in Neuburg den Traditionsnamen “Mölders” verlieh, leiteten uns diese Gedanken. Mölders war ein solcher Offizier: wie so viele - auch Stauffenberg - zunächst geblendet von den Erfolgen des Systems, aber fest im katholischen Glauben und im Ethos eines anständigen Soldatentums verwurzelt. Er war nicht korrumpierbar, auch nicht durch die Fülle der Auszeichnungen, mit denen er überhäuft wurde. Ich habe es selbst erlebt und kenne keinen seiner Untergebenen, der nicht mit größter Hochachtung von ihm spricht.”

Braatz weiter: “Er war kein intellektueller Feuerkopf wie der junge Stauffenberg, der sich an Stefan George berauscht hatte, und er starb zu früh, um sich vor jene Entscheidung zwischen Gehorsam und Gewissen gestellt zu sehen, für die auch Stauffenberg im Herbst 1941 noch keineswegs reif gewesen war. ... Er hat sich nicht mit jenen gemein gemacht, die seine Vaterlandsliebe und seinen aufrichtigen Charakter für ihre verbrecherischen Ziele zu nutzen wußten. Lobreden auf Hitler, Tiraden gegen die ehemaligen Feindmächte oder gar rassistische Äußerungen sind von ihm nicht überliefert. Er hat die ersten schnellen Siege des Feldzugs gegen die Sowjetunion noch miterlebt, aber bereits bar jeder Illusion. Während die Wehrmachtsführung noch annahm, daß alle wesentlichen strategischen Ziele im Osten bis zum Wintereinbruch 1941 erreichbar seien, bereitete er seine Flugzeugführer unverhohlen auf einen langen, zermürbenden Waffengang vor.”

Braatz schließt (etwas gekürzte Fassung): “Soldaten der Legion Condor, so wollen es der Deutsche Bundestag und ... Verteidigungsminister Struck, darf kein `ehrendes Gedenken´ der Bundeswehr mehr zuteil werden. Werner Mölders ist nur einer von ihnen. Andere sind etwa Heinrich Trettner, Generalinspekteur der Bundeswehr von 1964 bis 1966; Generalleutnant Trautloft, bis in die siebziger Jahre Kommandierender General der Luftwaffengruppe Süd; Kapitän zur See Werner Klümper, der die Marinefliegerei der Bundeswehr aufbaute, nicht zu vergessen die Brigadegenerale Strümpell und Hans Schmolder-Haldy und viele andere, die das heutige rechtsstaatliche Selbstverständnis der Bundeswehr entscheidend prägten. ...

Es bleibt eine Fußnote nachzutragen. Sie betrifft Heinrich Graf von Einsiedel, der als Jagdflieger an der Ostfront erfolgreich wurde und im August 1942 in sowjetische Gefangenschaft geriet, kurz nachdem Hitler ihn mit dem Deutschen Kreuz in Gold dekoriert hatte. Für die Opposition gegen die Nazis war Einsiedel bis dahin nicht bekannt geworden. Erst als er vom Wohlwollen Stalins abhing, entdeckte er seine antifaschistische Gesinnung und wurde Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland sowie des Bundes deutscher Offiziere. Einsiedel kennt die Fakten um Mölders. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, im April 1998 als Mitglied der PDS-Bundestagsfraktion jenen Antrag zu initiieren, der nun zur Liquidierung seines früheren Vorgesetzten aus der Bundeswehr-Tradition führte.