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Der Franzose

Die faszinierende Geschichte vom geretteten Franzosen

Während des Westfeldzugs geriet Mölders 1940 in französische Gefangenschaft. Bei seiner Gefangennahme wurde er von einem Zivilisten mißhandelt, dann aber vor weiteren Übergriffen geschützt. Nach der Niederlage Frankreichs befreit, wurde er zusammen mit anderen freigelassenen Kriegsgefangenen von Reichsmarschall Hermann Göring, u.a. Oberbefehlshaber der Luftwaffe, auf dessen privatem Sitz Karinhall empfangen.

Zum Verständnis: Göring war im Ersten Weltkrieg selbst Jagdflieger, flog als Zivilist anschließend in Skandinavien weiter. Von der Fliegerei zeitlebens geprägt, fühlte er sich den Jagdfliegern besonders verbunden. Als wäre es ein anderes Leben, betrieb Göring seit 1922 mit großem Geschick und starkem Machtwillen den politischen Aufstieg der NSDAP. 1932 wurde er Reichstagspräsident, 1933 verhalf er Hitler zur Regierungsbildung, stieß somit in den engsten Führungskreis des NS-Regimes vor. Gleichwohl befand er sich in einer Art von Sonderstellung. Görings Witwe Emmy deutet einen Teil davon in ihren Memoiren an: “Es gab nicht allzu viele (prominente Persönlichkeiten), die mit uns auf privatem Fuß ... gut gestanden hätten ... Eine große Ausnahme bildeten freilich die alten und jüngeren Fliegerkameraden. (Göring) betrachtete sie ausschließlich als Kameraden. Sie konnten ihm sagen, was sie dachten ... Zu diesen jüngeren Kameraden ... gehörten Mölders, Udet, Galland ..., zu den älteren Korten, Kammhuber, Milch, Sperrle, Kesselring, Student ...” Auf die Wertschätzung des eitlen und bis zur Skrupellosigkeit selbstherrlichen Göring war jedoch kein Verlaß. So beschreibt Wolfgang Falck in seinem Buch “Falkenjahre” das Zerwürfnis mit Kammhuber, der nach dem Krieg der erste Inspekteur der neuen Luftwaffe wurde.

Als Mölders seine Gefangennahme schilderte, soll Göring in Rage geraten sein, “am ganzen Leib gezittert haben” (Emmy Göring). Mölders  habe jedoch erklärt, daß der Übergriff nicht so schwerwiegend gewesen ist und der Zivilist verschont werden sollte. Überliefert ist Görings Antwort mit dem Satz: “Mölders, ich schenke Ihnen diesen Mann.”

Der Vorfall wurde auch von Mölders´ Bruder Victor (ebenfalls Jagdflieger) berichtet und galt immer als Zeichen von Charakterstärke, zumal vor dem Hintergrund, daß der Vater im Ersten Weltkrieg beim Feldzug gegen Frankreich sein Leben verloren hatte. Im Sondergutachten des MGFA (2004) wird diese Schilderung jedoch als nicht beweisbare Legende und Teil einer unzulässigen Idealisierung Mölders abgetan. Auch Braatz vermerkt in seiner Mölders-Biographie (2008), daß der Vorfall nicht bewiesen werden konnte. Allerdings blieben dabei die schon 1967 erschienenen Memoiren Emmy Görings unberücksichtigt; sie erinnerte sich an das Gespräch mit Mölders und hat es in ihrem Buch konkret geschildert.

Man sollte bei dieser Überlieferung nicht gleich an aufwallende Emotionen und große Worte `unter Männern´ denken, als ob beim Aufeinandertreffen der beiden Persönlichkeiten, Mölders und Göring, in Karinhall mit Leidenschaft um das Schicksal des Franzosen gerungen worden wäre. Die Wirklichkeit ist komplexer und auch nüchterner. Es sind mehrere, im Detail unterschiedliche Versionen der Überlieferung bekannt und aufgrund der letzten Erkenntnisse findet nun die Version von Obermaier/Held eine Bestätigung, wonach Göring und Mölders wiederholt mit der Sache befaßt waren.

Dr. Hagena, Autor von “Jagdflieger Werner Mölders - Die Ehre des Menschen reicht über den Tod hinaus”, hat intensiv in Frankreich recherchiert und das Ergebnis - neben der außerordentlichen und erfreulichen Mitwirkung von französischer Seite - liegt in Form von 40-seitigen Akten aus dem Archive départmentale de l´Oise vor. Demnach hatten die Franzosen zu Beginn des deutschen Westfeldzugs Milizen aus ehemaligen Frontkämpfern und geeigneten Freiwilligen aufgestellt, die Fallschirmspringer hinter der Front abfangen sollten. Ein 56-jähriger Angehöriger dieser Einsatzgruppen namens Caron, im Zivilberuf Betriebsleiter einer großen Zuckerfabrik, war an der Gefangennahme des mit dem Fallschirm abgesprungenen Mölders beteiligt und hatte ihn blutig geschlagen. Caron wurde nach der Besetzung Frankreichs verhaftet und durch das Luftwaffenfeldgericht des Luftgaus Belgien/Frankreich zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Haft verbüßte er in den Strafanstalten Rheinbach und Siegburg im Rheinland. Der Besitzer der Zuckerfabrik, Duchene, ein gebildeter Mann, setzte sich mutig für seinen Angestellten (und vielleicht auch Freund) ein. Es kam zu einem vielfältigen Zusammenwirken zwischen dem Fabrikanten, dem zuständigen französischen Präfekten, Dienststellen der Wehrmacht und eben auch mit Mölders und Göring. Den Abschluß bildet ein Bericht der Gendarmerie Nationale vom 10.02.1942, wonach Caron wegen seines Übergriffs auf Mölders am 07.11.1940 zu 12 Jahren Haft verurteilt wurde - in dem hier nicht genannten Revisionsverfahren später auf 6 Jahre herabgesetzt - und am 09.02.1942 an seinen Wohnort zurückgekehrt ist.  Dann heißt es (übersetzt): “Er wurde durch Marschall Göring begnadigt aufgrund einer Bitte von Oberst Mölders, ausgesprochen vor seinem Tod.” Aus der Familie Caron gibt es von einer Enkelin den Hinweis, daß der aus der Haft Entlassene bei schlechter Verfassung war und sechs Jahre später mit 63 Jahren verstorben ist.

Der Zuckerfabrikant hat sehr bemerkenswerte Initiativen ergriffen, so für die Unterstützung durch den Präfekten und gegenüber Dienststellen der Wehrmacht in Paris. In einem Brief an den Präfekten vom 06.03.1941 äußert er die Hoffnung, daß die Strafe seines Betriebsleiters  noch einmal, auf weniger als 6 Jahre, herabgesetzt wird. Und er schreibt, daß ein ihm benannter deutscher Offizier, mit dem er über sein Anliegen sprechen durfte, vorher die Sache mit Mölders erörtert hatte. Am 08.03.1941 wendet sich der Fabrikant deshalb - wie schon zuvor mindestens einmal - direkt an Mölders, nimmt Bezug auf ein Schreiben vom 07.02.1941, das er an Göring gerichtet hatte, und weist auf das im Brief an den Präfekten erwähnte Gespräch mit dem beauftragten deutschen Offizier hin. Er schließt: “In der Hoffnung, daß Sie das von mir für ihn eingereichte Gnadengesuch erneut wohlwollend befürworten wollen, bitte ich Sie, ... “ Das Ergebnis ist die Begnadigung Carons durch Göring als oberster Gerichtsherr der Luftwaffe.

Die Schilderung könnte hier enden, aber die Nachforschungen haben weitere faszinierende Ergebnisse ans Licht gebracht. Der beauftragte deutsche Offizier, von dem oben die Rede ist, war H.J. Soehring, Diplomatensohn, Jurist und seit 1936 Wehrmachtsoldat. In seiner ersten Verwendung war er Rechtsberater der Legion Condor, von 1940 bis 44 diente er beim Luftwaffenfeldgericht beim Standortkommando Paris, wurde - offenbar wegen seiner Liaison mit einer französischen Schauspielerin (die deswegen später vor Gericht stand) - zum Unteroffizier degradiert und an die Italienfront versetzt, gegen Kriegsende wieder zum Offizier befördert und beim Reichskriegsgericht mit einem Dossier über das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) beschäftigt. Nach Kriegsende war er Mitbegründer der literarischen Gruppe 47, trat 1954 in den Auswärtigen Dienst ein und wurde 1960 deutscher Botschafter im Kongo, wo er tödlich verunglückte.

Soehrings Lebensweg hat sich mit dem von Mölders zweimal gekreuzt - in gemeinsamer Zeit bei der Legion Condor und im Begnadigungsfall Caron. In gewisser Weise kann man ein drittes Mal hinzuzählen: Das erwähnte NKFD-Dossier führt zu Graf von Einsiedel, einem Urenkel Bismarcks und aus prominenter Familie. Als Jagdflieger ausgezeichnet mit dem Deutschen Kreuz in Gold, geriet er 1942 als junger Offizier in sowjetische Gefangenschaft, entschied sich dort für die kommunistische Ideologie, wurde Mitbegründer des NKFD, kam aus der Gefangenschaft in die Sowjetische Besatzungszone, war 1947/48 Mitglied der SED, wechselte in die Bundesrepublik, war dann lange Zeit SPD-Mitglied, bis er schließlich als Listen-Kandidat der PDS (heute: Die Linke) von 1994 bis 98 in den Bundestag einzog. Er starb 2007. Und so schließt sich der Kreis: Er war einer der Initiatoren des Guernica-Beschlusses im Bundestag, dem die Mölders-Tradition in der Bundeswehr zum Opfer fallen sollte. Welche Motive trieben diesen Mann als Irrlicht von einer Seite zur anderen, warum wollte ausgerechnet er ehemaligen Kameraden die Ehre absprechen? Jahrzehntelang oft als Verräter kritisiert, aber in Intellektuellenkreisen auch geschätzt, hat er jedenfalls im moralischen Sinne Verrat geübt an Soldaten der Legion Condor, von denen er wußte, daß sie keine rücksichtslosen Söldner oder “Auftragskiller” (Rose) waren. Welch ein Kontrast zu der Persönlichkeit von Werner Mölders!

Der Kern der angeblichen Legende, wonach Mölders sich für seinen französischen Peiniger eingesetzt hat, um ihm eine unangemessene Strafe zu ersparen, ist wahr und wird durch französische Quellen bestätigt. Allerdings kam es dabei nicht nur auf das Einvernehmen von Mölders und Göring an, sondern auch auf das Funktionieren der Verwaltung in den besetzten Gebieten, der Gerichtsbarkeit und der militärischen Organisation - und dabei auf das beherzte Eintreten des Fabrikanten Duchene für seinen Angestellten Caron, die Einsicht und Hilfe des Juristen Soehring und weiterer mit dem Fall befaßter Amtsträger wie dem französischen Präfekten.

Mölders hat sich im Frühjahr 1941, obwohl er als Verbandsführer in einem zehrenden Fronteinsatz stand, nachdrücklich für die Begnadigung eines Gegners eingesetzt ebenso wie für die Absicherung seines Schulfreundes Küch vor den Repressalien von NS-Behörden. Er hat in beiden Fällen Charakterstärke, Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn bewiesen. Dies entsprach seiner Grundhaltung und kennzeichnet seine Persönlichkeit.

P.S. Aus dem MGFA-Sondergutachten zu Mölders vom Juni 2004: “ ... eine angebliche Intervention von Mölders bei ... Göring {wandert} durch die Literatur ... es {heißt}, er habe einen französischen Soldaten, der ihn während seiner kurzen Kriegsgefangenschaft im Jahr 1940 mißhandelt haben soll, vor dem Erschießen bewahrt. Nach mehrmaliger Fürsprache bei Göring habe dieser zu ihm gesagt: `Mölders, ich schenke Ihnen diesen Mann´. Ein nachprüfbarer Beleg liegt bisher nicht vor, wohl aber wird die Geschichte bis zum heutigen Tag unhinterfragt als Ausweis für seine ritterliche Menschlichkeit kolportiert ...”. Was soll man über MGFA-Historiker sagen, die ergiebige Quellen nicht finden, leichtfertig deren Existenz bestreiten und Offensichtliches nicht bemerken? Ins Stammbuch: Mehr Wissenschaft, weniger Ideologie! Mehr Wissen, weniger Annahmen! Mehr Fleiß, weniger Drang zum schnellen Ergebnis!