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Drei Säulen

Rohbau oder Ruine? Eine Bewertung der Drei-Säulen-Konzeption

Stand Januar 2014/rev Juli 2016

In der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte gerät man leicht in das Fahrwasser der “political correctness”. Ob aus ideologischen oder pragmatischen Gründen, man erfährt schnell, warum dieses oder jenes nicht gesagt und nicht einmal gedacht werden sollte. Das Bundesministerium der Verteidigung flüchtet sich zu Fragen der Bundeswehr-Tradition deshalb gern in die - wie man meint - sichere Burg des Drei-Säulen-Konzepts. Demnach soll sich die Tradition unserer Streitkräfte auf drei “Säulen” stützen:

Die preußischen Reformer Anfang des 19. Jahrhunderts (und deren Reaktion auf die Niederlage gegen Napoleon I.);

die Offiziere im Widerstand gegen Hitler (hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Aufstand vom 20. Juli 1944) sowie

die Traditionen, die sich in der Bundeswehr selbst gebildet haben oder noch bilden.

Es wurde behauptet, dass sich diese Vorstellung direkt aus dem “Traditionserlass” herleitet. Aber: Solche  Sichtweise widerspricht dessen Vorgabe, die ausdrücklich verlangt, den “Gesamtbestand der deutschen Geschichte” im Zusammenhang zu betrachten und “nichts auszuklammern” (Nr. 5 des Erlasses). Der Erlass legt also keine entsprechende Auswahl aus unserer Geschichte nahe und Begriffe wie “Säulen der Bundeswehr-Tradition” kommen darin nicht vor.

Unklar bleibt auch, welches Dach die Säulen-Konstruktion tragen soll und ob sie das könnte. Ebenso kann man nur vermuten, wie die große Lücke zwischen dem Beginn des 19. Jahrhunderts (erste Säule) und 1944 (zweite Säule) zu verstehen ist: Gab es in der langen Zwischenzeit nichts Traditionswürdiges oder ist es der Truppe überlassen (was der Erlass erlauben würde), diese Periode zu füllen? Gute Traditionsbildung und -pflege braucht jedenfalls ein dichteres Gerüst und mehr Kontinuität, um nachvollziehbar zu sein und in der Truppe wie in der Bevölkerung wirksam zu werden.

Zur Zeit wird mehr von “Traditionslinien” als von “Säulen” der Bundeswehrtradition gesprochen. Aber die erste und zweite Säule stellen sich doch eher als “Punkte” dar, deren Weiterentwicklung zu “Linien” nicht klar erkennbar ist: Für die erste Säule/Linie fällt dies durch die Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht besonders auf; die zweite hat mit der gefestigten demokratischen Grundordnung unseres Landes und der Einbettung der Streitkräfte in diese Ordnung ihre praktische Bedeutung eingebüßt. Das Folgende gilt unabhängig davon, ob man von “Säulen” oder “Linien” spricht.

Was die erste Säule anbelangt, hat sich der Blickwinkel über die Zeit verengt. Die Erinnerung an die Befreiungskriege, die mit der Überwindung der napoleonischen Gewaltherrschaft über Europa erst den Weg zu den Stein/Hardenberg´schen Reformen geöffnet haben, wurde kaum mehr gepflegt: An den Befreiungskriegen nahmen nicht nur die regulären Armeen der beteiligten Staaten teil, sondern im besiegten Preußen auch Freiwilligen-Formationen (Stichworte “freiwillige Jäger” und “Freikorps”). Ihnen ging es zunächst um die Befreiung von der Fremdherrschaft, aber viele unter ihnen wollten auch die deutsche Einheit unter einer gemeinsamen Verfassung. Hat dieser nationale Geist seinen Wert für die Traditionsbildung verloren?

Bei feierlichen Gelöbnissen in Bordenau, Scharnhorsts Geburtstort, wurden die preußischen Militärreformer (die wesentlich zu der Stein/Hardenberg´schen Modernisierung beitrugen) vor allem als Vordenker der Allgemeinen Wehrpflicht hervorgehoben: Sie hielten den Bürger eines Staates für dessen “geborenen Verteidiger” und dies gründete, mit gedanklichen Anleihen bei den seinerzeitigen amerikanischen (1776) und französischen (1789) Entwicklungen, auf der Vorstellung von einem gestärkten, verfassungsrechtlich geschützten Bürgertum, das beispielsweise keine Leibeigenschaft der Bauern oder unverdienten Vorrechte des Adels mehr kennt. Aber anders als in den unabhängig gewordenen Vereinigten Staaten oder den Zielen der Französischen Revolution, ging es um die Wiederauferstehung Preußens und eine Modernisierung seiner Monarchie, vorrangig seiner Armee; an die Schaffung einer Republik war nicht gedacht. Das bedeutet: Der große Scharnhorst, der charismatische Gneisenau (Kolberg, Waterloo), Grolmann, Boyen, Clausewitz und andere waren als Militärreformer beispielgebend. Angesichts der deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert wäre es allerdings weit hergeholt, sie als frühe Wegbereiter unserer Demokratie, Wehrverfassung und Inneren Führung auf den Schild zu heben. Man kann aber an ihre reformerischen Überlegungen anknüpfen, wenn man sie auch als kriegserfahrene Soldaten ihrer Zeit versteht und an ihre militärischen Leistungen denkt

Mit der Neuorientierung der Bundeswehr zur Interventionsarmee ist die Allgemeine Wehrpflicht, ein Kernbestandteil der preußischen Reformen, in den Hintergrund gerückt. Dabei war die Tradition der Befreiungskriege und der damit einhergehenden Reformen ohnehin nicht so gegenwärtig, wie sie sein sollte. Dies zeigte sich am 250. Geburtstag Gneisenaus -  eines herausragenden Soldaten wie auch politischen Kopfes unter den Reformern -,  den Politik wie Bundeswehr im Jahr 2010 ungenutzt verstreichen ließen. Immerhin hat Minister de Maizière im Jahr 2013 zweimal an Scharnhorst erinnert: Anläßlich der Aufgabe der Ermekeil-Kaserne in Bonn, als Ort eng mit der Schaffung der Bundeswehr verbunden, die formal auf das Geburtsdatum Scharnhorsts am 12. November gelegt worden war, und zum 200. Todestag in einer Rede am 28. Juni. Letztere blieb jedoch ohne öffentliche Resonanz und wurde auch in der Bundeswehr wenig beachtet (Im Internetportal des Verteidigungsministeriums ist der Text zu finden.).

Die zweite Säule - die Offiziere im Widerstand - ist nicht so solide, wie es nach den jährlichen Gedenkreden am 20. Juli scheint. Denn Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte sich ein Großteil der Reichswehroffiziere innerlich von der versagenden Weimarer Republik abgewandt. Beeindruckt von den anfänglichen Erfolgen nach der Machtergreifung Hitlers, waren viele zunächst für dessen Politik aufgeschlossen. Die späteren Widerstandskämpfer haben dabei in der Wehrmacht treu gedient und auch wichtige Positionen erreicht, eine der praktischen Voraussetzungen für den dann geplanten Staatsstreich. Wie alle Soldaten wurden sie aber Instrument der Machtpolitik Hitlers und dies wird ihnen heute zur Last gelegt: Als in Bamberg, wo Graf Stauffenberg in die Reichswehr eintrat, ein neuer Lehrstuhl an der Universität eingerichtet und mit seinem Namen verbunden werden sollte, regten sich studentische Eiferer. Sie warfen Stauffenberg, dem mutigsten Verschwörer des 20. Juli, die politische Haltung aus seinen jüngeren Jahren vor und zitierten die völkischen und antijüdischen Äußerungen.

Unter den Wehrmachtoffizieren gab es schon in den dreißiger Jahren Regimegegner, die zum Widerstand bereit waren. Dies gipfelte 1938 in konkreten Vorbereitungen zu einem Staatsstreich, die wegen der internationalen Akzeptanz von Hitlers Außenpolitik (Münchener Abkommen) als aussichtslos abgebrochen wurden. Der Entschluß, sich schlagkräftig zu organisieren und schließlich alles zu wagen, war das Ergebnis persönlicher Entwicklungsprozesse, die besonders von den Kriegsumständen beeinflußt wurden. Der erfolgversprechendste, generalstabsmäßig vorbereitete Umsturzversuch folgte dann am 20. Juli 1944. Der oft gehörte Vorwurf, dies sei viel zu spät gewesen, wird den Beteiligten aber nicht gerecht - gerade angesichts der übergroßen zivilen und militärischen Opfer, zu denen es noch in den Schlussphasen des Zweiten Weltkriegs gekommen ist. Dagegen bleibt richtig, daß die Offiziere im Widerstand zwar die Wiederherstellung des Rechtsstaats wollten und sich auf Regelungen zur Machtübernahme verständigten, aber keine Konzeption für ein demokratisches Deutschland der Nachkriegszeit entwickelt hatten. Was sie einte und bis zum Aufstand trieb, waren vor allem ethische Beweggründe. Unverkennbar das Ergebnis überwiegend national-konservativer Herkunft und christlich-humanistischer Erziehung, machen sie das Traditionswürdige aus. Die persönlichen Wertvorstellungen führten zum Widerstand und daher muß jedem Versuch, die ethische Haltung der Offiziere nur abstrakt und undifferenziert herauszustellen, widersprochen werden. Ethik gibt es nicht ohne Inhalt und man muß dazu stehen.

Angesichts der Fakten wird es schwieriger, die Traditionswürdigkeit des Widerstands zu vermitteln: National-konservative Gesinnung begegnet Skepsis und Ablehnung; christlicher Überzeugung stehen andere Überzeugungen, Beliebigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber; die humanistische Erziehung damals unterscheidet sich gründlich vom humanistischen Verständnis heute. Und für den Dienst der Soldaten kommt hinzu, dass die extreme Lage der Widerstandskämpfer weit entfernt ist von Aufgaben und Einsatz der Truppe in unserer Zeit.

Auf dieser Linie gibt inzwischen auch der Deutsche Bundeswehrverband der Diskussion des 20. Juli Raum. In der Verbandszeitschrift “Die Bundeswehr” (Juli 2016) wird die in den Nachkriegsjahren bei uns weit verbreitete Distanzierung vom Widerstand der Offiziere ebenso kritisch behandelt wie die heutige Sicht auf deren ethisch-moralische Haltung. Einer Verklärung des 20. Juli 1944 wird dabei deutlich widersprochen: Gewissen, Moral und Menschlichkeit trieben die Offiziere zum Aufstand, aber ihre vorherige Rolle im NS-Staat und die national-konservativen - als nicht-demokratisch abgewerteten - Vorstellungen werden dagegen gehalten.

Dennoch: Die Offiziere im Widerstand gegen den Nationalsozialismus haben wie die vielen zivilen Widerständler unserem Land einen notwendigen Rest von Ansehen und Ehre bewahrt. Sie sind ein unverzichtbares Element in der Tradition der Bundeswehr, die das Erbe pflegt. Aber der “Aufstand des Gewissens” (Titel der Bundeswehr-Wanderausstellung zum Widerstand) muß als Teil der nationalen Tradition verstanden werden; er ist in erster Linie politischer und weitaus weniger militärischer Natur. Und dies führt zur Frage nach der dritten Säule, der Nachkriegstradition.

Der “Traditionserlass” enthält dazu in seiner Nr. 20 eine dürre, wenig konkrete  Strichaufzählung von Traditionslinien. Es hat darüber hinaus keine nachhaltigen Versuche gegeben, die Nachkriegstradition im Zusammenhang zu beschreiben. Eine allgemein anerkannte `Fassung´, beispielsweise als Handreichung für die Vorgesetzten in der Truppe, ist daher nicht entstanden. Und es fällt auf, dass Traditionsinhalte weitaus überwiegend politisch oder in Unterstützung politischer Sichtweisen formuliert werden. Hier ist nicht der Platz für eine Analyse, warum die militärische Haltung und Leistung so wenig zählt. Der Umgang mit Mölders ist jedoch ein treffendes Beispiel für das politisch motivierte Traditionsverständnis. Ebenso wird die Konzeption der Inneren Führung immer wieder verkürzt, nämlich nur in ihrer politischen Bedeutung dargelegt.

Die Konzeption der Inneren Führung (als solche im “Traditionserlass” nicht ausdrücklich erwähnt) gehört zur Nachkriegstradition und macht bis jetzt ihren Hauptteil aus. Dabei waren es fähige ehemalige Wehrmachtsoffiziere, die NS-Zeit und Krieg überlebt hatten und sich daran machten, die Grundlage für ein modernes Soldatentum in der Demokratie zu schaffen und ihre Vorstellungen in der Politik wie in der Truppe durchzusetzen. Neben dem meistens erwähnten General Baudissin ist mehr noch an die Generale de Maizière und von Kielmannsegg zu denken. Die klar definierte Stellung des Soldaten im Staat und das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform (im “Traditionserlass” besonders betont) sind wesentliche Elemente ihrer Führungsdoktrin, die anderswo in der Welt keine tatsächliche Entsprechung findet. Aber es muß wieder mehr in den Vordergrund rücken, dass die Innere Führung als geistiges Rüstzeug der Soldaten und als Handwerkszeug der militärischen Führung gedacht war. Der militärische Zweck ist es, den Einsatzwillen zu stärken, den notwendigen Gehorsam möglichst aus Einsicht zu erreichen und selbständiges Handeln in der Auftragsdurchführung zu fördern. Tapferkeit und Kameradschaft sind dabei unverzichtbare Inhalte der soldatischen Erziehung und werden eingefordert; sie sind ohne einen gesunden Korpsgeist undenkbar.

Damit haben die Schöpfer der Inneren Führung auf ihre Erfahrungen in der Wehrmacht - im Frieden wie im Krieg - zurückgegriffen und sie zu einer Leitvorstellung zusammengefügt, die hohe Ansprüche an die Soldaten und ihre Vorgesetzten stellt. Es ist schlecht, daß die amtliche Traditionsbildung der Bundeswehr bisher viele Papiere und Reden, aber wenig “Schlagkräftiges” zur Verdeutlichung und Unterstützung ihrer Führungsdoktrin hervorgebracht hat - sei es durch historische Vorbilder oder durch eine systematische Aufbereitung dessen, was die Bundeswehr bisher geleistet hat. Es sollte eine Traditionsbildung angestrebt werden, bei der Dienst und Einsatz der Soldaten im Vordergrund stehen. Sie sollte lebensnah ausgerichtet sein und nicht vorrangig nach außen wirken wollen: Es geht um Führung, die sich nicht von den Geführten löst. Verteidigungsminister de Maizière schien sich der Aufgabe stellen zu wollen. Er wollte und musste die “Ruine” nicht einreißen; aber kann seine Amtsnachfolgerin sie als “Rohbau” nutzen?