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Erinnerungskultur

Stand September 2017

Verbandsabzeichen des Jagdgeschwaders 74 `Mölders´

Die Frage nach der “Erinnerungskultur” ist ein wichtiger Punkt als Grundlage jeder Traditionsbildung und -pflege: Sie entsteht aus dem kollektiven Erinnern einer Organisation, der Gesellschaft, einer Nation oder einer Staatengemeinschaft an die eigene Geschichte und wird vom Umgang mit dieser Erinnerung bestimmt.

Das gelingt nur, so weit historisches Bewusstsein gefördert wird: Erstens die Einsicht, dass die Vergangenheit wechselhaft und von vielfältigen Einflüssen bestimmt war ... die Gegenwart vollzieht sich ja ebenso!  Wer geschichtliche Entwicklungen wie gerade Linien, ohne Umwege und Rückschritte versteht und nur auf einzelne Ursachen, Faktoren oder Motive zurückführt ... findet sich auch in der Gegenwart nicht gut zurecht! Zweitens  das Eingeständnis, dass man in der eigenen Gegenwart selten alle Informationen zu wichtigen Geschehnissen bekommt und dies erst recht für Vorgänge in früherer Zeit gilt. Die  objektive, die ganze und die reine Wahrheit sind - die Lebenserfahrung zeigt es - Begriffe für ein kaum erreichbares Ideal. Zu fordern ist aber Wahrhaftigkeit, eine unerlässliche Geistes- oder gar Charakterhaltung (siehe Wahrhaftigkeit).

Jedwede Erinnerungskultur wird sich auf das Wichtige - Erfreuliches wie Abschreckendes - aus der Vergangenheit konzentrieren, um es im kollektiven Gedächtnis zu bewahren. Was wichtig ist, resultiert aus dem Zusammenwirken vieler Faktoren wie eigene Kenntnis und Erfahrung, Bildung durch Elternhaus und Schule, erlebte Kultur von früher Jugend an, Literatur, Medienberichte, politische Meinungsbildung und Praxis von der Gemeinde- bis zur Bundesebene. Das “Wichtige” ist somit nicht das Ergebnis einer objektiven Auswahl, sondern im Idealfall ein gemeinsames Verständnis von dem, was - beispielsweise - die Identität einer Nation ausmacht. Aber in einer demokratisch verfassten Gesellschaft, in der es starke politische Strömungen mit sozialistischen, liberalen, konservativen oder auch ethnischen Wurzeln gibt, wird es zu unterschiedlichen Sichtweisen des “Wichtigen” kommen. Werden solche Strömungen zu stark, wird die Entwicklung einer gemeinsamen Erinnerungskultur misslingen und zur politischen Polarisierung führen - ein Befund der sich heute ansatzweise in der deutschen Gesellschaft zeigt.

Als Beispiel zur Frage “was ist wichtig?” lohnt ein Rückblick auf unsere Militärgeschichte: Die Befreiungskriege Anfang des 19. Jahrhunderts zählen zum Traditionsbestand der Bundeswehr. Aus einer Reihe von Gründen, z.B. wegen der damals in Preußen eingeführten Allgemeinen Wehrpflicht, die das Verhältnis von Staat und Bürger verändert hat (siehe Drei Säulen). Aber am Ende dieser Kriege war das “Heilige Römische Reich deutscher Nation”, das alte deutsche Reich unter Führung der Habsburger, zerschlagen. Als Ergebnis der Friedensverhandlungen (Wiener Kongress) existierten auf deutschem Territorium nun viele selbständige Staaten: Eine Kleinstaaterei, die anderen europäischen Mächten in die Hände spielte und  Deutschlands Stellung in Europa um Jahrzehnte zurückwarf. Heute wird dieser Rückschlag mit seinen tragischen Folgen, den späteren Kriegen um die politische Konsolidierung Mitteleuropas, kaum mehr bedacht. Im Vordergrund stehen vielmehr das damalige Streben der Bürger nach mehr politischer Mitwirkung und die Demokratieversuche dieser Zeit (Paulskirche). Obwohl sie scheiterten, werden sie unserer demokratischen Tradition zugerechnet. Aber: In den Befreiungskriegen gegen Napoleon I. ging es neben der Beseitigung der Fremdherrschaft um die deutsche Einheit. Dafür hatten viele gekämpft; auch ihre Hoffnung wurde über lange Zeit enttäuscht.

Eine Wende ergab sich erst mit den Kriegen Preußens und Österreichs gegen Dänemark (1864), Preußens gegen Österreich (1866) und Deutschlands gegen Frankreich 1870/71 sowie der Neugründung des Deutschen Reichs am 18. Januar 1871 (Proklamation in Versailles). Das Ergebnis war ein vereinigter deutscher Staat. Obwohl im Reich monarchische Strukturen der ehemals selbständigen Herrschaften fortbestanden, wurde es ein Nationalstaat, gerade auch im Bewusstsein der Bürger: In der ersten Strophe des Deutschland-Liedes verlangte Hoffmann von Fallersleben “Deutschland über alles!”. Dies war der Appell an die Deutschen zur Überwindung der Kleinstaaterei, zur nationalen Einheit im deutschen Sprachraum “von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt”. Das Reich von 1871 hat dem weitgehend entsprochen (nicht eingeschlossen: Österreich, Liechtenstein, Luxemburg sowie - schon früher aus dem Heiligen Römischen Reich ausgeschieden - deutschsprachige Schweiz). Unter Bismarcks Diplomatie und Staatskunst wurde die deutsche Einheit in Kriegen erkämpft.

Die heutige Bundesrepublik ist trotz der historischen Brüche im 20. Jahrhundert (Weltkriege, NS-Regime) ein direkter Nachfolger des 1871 begründeten Reiches - rechtlich wie territorial (mit Einbußen aufgrund der verlorenen Weltkriege) und auch nachvollziehbar in der Politik unserer Tage. In der Traditionspflege der Bundeswehr findet sich hingegen fast nichts, was an die militärischen Leistungen und (preußischen) Persönlichkeiten aus der Zeit der Reichsgründung erinnert. Das ist auf zwei Besonderheiten der deutschen Erinnerungskultur zurückzuführen: Erstens. Dass unser Land existiert, weil im 19. Jahrhundert Kriege “als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” (Clausewitz) geführt wurden, erzeugt Unbehagen, ja Ablehnung. Und zweitens: Soweit unsere nationale Identität thematisiert wird, geschieht dies distanziert, abstrakt und emotionslos (Bindung an das Grundgesetz, christlich-humanistische Wurzeln, Deutschland als Teil Europas, Verantwortung in der Weltgemeinschaft). Es richtet aber doppelt Schaden an, historische Überlieferung nach Opportunität zu steuern und vor der Identitätsdebatte auszuweichen, die unsere Gesellschaft  braucht.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist ein wichtiger Gestalter unserer nationalen Erinnerungskultur. Zur Zeit fällt eine Plakataktion des Volksbundes auf, bei der ein großer Friedhof mit Kriegsgräbern gezeigt wird, verbunden mit der Zeile “Darum Europa!” Ein Bravo diesem überzeugenden Bildargument! Ganz anders die vor einiger Zeit im Volksbund diskutierte Frage, ob man aller Kriegsopfer gedenken und dazu auch Soldaten, die sich schuldig gemacht haben, auf Soldatenfriedhöfen bestatten darf. Es geht hierbei um historische Bewertungen, mit denen man leicht ins Absurde abgleitet: Wenn Kriegsteilnehmer - beispielsweise Soldaten der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg - politisch geächtet werden, weil man ihren Einsatz aus heutiger Sicht verurteilt, wären ihre Überreste dann zu exhumieren und sozusagen “vor der Stadtmauer zu verscharren”? Oder: Wären Angehörige der Waffen-SS aus jeglichem Gedenken zu verbannen, würde das auch für Günter Grass (Nobelpreis für Literatur, als junger Mann freiwilig in der Waffen-SS) gelten? Was ist mit Altkanzler Helmut Schmidt, einem der Großen seiner Zeit: Er diente als Soldat an der Ostfront und war bei der Blockade Leningrads eingesetzt - einem der größten Verbrechen der Wehrmacht, wie es in einer Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestages hieß (siehe Wahrhaftigkeit, Abschnitt “Leningrad”)?

Inzwischen hat sich die Haltung des Volksbundes zu solchen Fragestellungen gefestigt, wie die Ansprache der Generalsekretärin, Daniela Schily, anlässlich der Einweihung der Kriegsgräberstätte in Podgorica (Montenegro) belegt: “Wir wissen, dass die Toten auf diesem Friedhof ... im Kampf gegen Partisanen gefallen sind. Wir wissen, dass bei Vergeltungsmaßnahmen abscheuliche Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung begangen wurden. Der Volksbund ist sich dieser Schuld bewusst und hat keine Scheu, den Zweiten Weltkrieg als verbrecherischen Angriffskrieg zu benennen ... Dennoch distanzieren wir uns von pauschalen Schuldzuweisungen. Die Soldaten, die hier ruhen, sind ebenso Opfer des Krieges wie ihre damaligen Gegner. Die Kriegsgräberstätte Podgorica ist kein `Denkmal für Mörder´, wie in der Presse zu lesen war, sondern ein eindringliches Mahnmal für den Frieden. Wir alle haben eine Verantwortung dafür, dass ein Hass zwischen Nationen und Ethnien, wie er zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs geschürt wurde, nie wieder einen Platz in Europa findet. ...”

In “Frieden” 1/2017 ist ein ausführlicher Artikel von Wolfgang Schneiderhan, ehem. Generalinspekteur der Bundeswehr und jetzt Präsident des Volksbundes, zum Patriotismus und Schicksal jüdischer Soldaten vom Kaiserreich bis in die 1930er Jahre erschienen. Ebenso erinnerte der Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 (Neuburg/Donau) in einer Ansprache an den 100. Todestag von Wilhelm Frankl - aus jüdischer Familie stammender hochdekorierter Jagdflieger des 1. Weltkriegs, 1917 gefallen und seit 1973 Namensgeber der Neuburger Kaserne. Außerdem gingen Artikel in zwei Ausgaben der Geschwaderzeitung “Der Mölderianer” auf das Gedenken an Frankl ein.  Unter Wilhelm Frankl wird das Thema der jüdisch-stämmigen Soldaten Anfang des 20.Jahrhunderts grundsätzlich behandelt.

Wie unangenehm und schmerzlich persönliche wie kollektive Erinnerungen sein können, erschließt sich jedem, der mit dem Thema Erinnerungskultur umgeht. Das zeigt sich auch im Interview der Süddeutschen Zeitung mit dem ehemaligen Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant a.D. Rall - einem der erfolgreichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs und seither unübertroffen - zum heiklen Thema “Helden” (Günther Rall über Helden). Aber Ignoranz und Verdrängung machen die Sache nicht besser: Zum Tode von Günther Rall  hat der Londoner Daily Telegraph eine ausführliche Würdigung veröffentlicht (Rall_Obituary_by_Daily_Telegraph) - in deutschen Medien und Verlautbarungen war nichts dergleichen zu lesen.

Erinnerungskultur und Traditionsbildung sind nicht dasselbe: Tradition wählt aus den gemeinsamen Erinnerungen das Wertvolle und Vorbildliche aus. Aber bei beiden wird gefragt: Wie gehen ein Staat und seine Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit um, wieviel sind historische Bildung, wieviel der Respekt für die Vorfahren wert? Dabei kann sich die von den Streitkräften gepflegte Tradition nur im Einklang mit der nationalen Erinnerungskultur entwickeln.