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21.08.2016 (rev 09.2017): Vor wenigen Tagen ist der Historiker Prof. Ernst Nolte verstorben.  Er hat sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt und dazu insbesondere mit dem Wesen des Faschismus, dem er die Elemente Antimarxismus, Antiliberalismus, Nationalismus, Gewalt und Propaganda zuordnete. Rassismus und Anti-Semitismus werden von seiner Definition nicht erfasst, der Imperialismus nur soweit, wie die Unterwerfung gegnerischer Staaten der Durchsetzung des Antimarxismus bzw. der internationalen Selbstbehauptung dient. Die imperialistische Politik des NS-Regimes (wie auch des faschistischen Italien) ging jedoch darüber hinaus. Mit Noltes Faschismus-Definition ließen sich daher nur Teil-Wahrheiten des Nationalsozialismus finden. Die Sowjetunion, die Nolte als entscheidenden äußeren Faktor für die Entwicklung der NS-Politik verstand, fiel selbst nicht unter die Faschismus-Definition, da die kommunistische Ideologie nicht nationalistisch, sondern internationalistisch angelegt war (wenngleich mit sowjetischem Führungs- und Machtanspruch). Nolte hielt das NS-Regime und das sowjetische System für unüberwindbar gegensätzlich, im politischen Charakter und in den Methoden aber für gleichartig.

Viele haben Noltes Arbeit so verstanden, dass manches in der Geschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen wäre, wenn die sowjetische Politik Hitler nicht zur Reaktion veranlasst hätte. Dazu behauptete Nolte sogar, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Verbrechen des Gulag (Stalins Massenmorde) und den Vernichtungslagern des NS-Regimes gebe. Demnach seien die staatlichen Mordorgien in der Sowjetunion Vorbild und - in h.E. nicht nachvollziehbarer Logik - auch ein Grund (“kausaler Nexus”) für den späteren deutschen Mord an den Juden gewesen. Dies löste 1986 den sogenannten “Historikerstreit” aus; man hielt Nolte entgegen, dass die NS-Rasseideologie im wesentlichen vor der Stalin-Ära, jedenfalls unabhängig davon entstanden ist. Von einem kausalen Zusammenhang, wie von ihm behauptet, könne keine Rede sein.

Gleichwohl befand sich die deutsche Außenpolitik nach 1933 zunehmend “Auge in Auge” mit der sowjetischen. Das heißt: Die Sowjetunion hatte die innenpolitische Gleichschaltung sozialistisch begründet, Hitler die Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft nach völkischen Vorstellungen. Beide haben daraus ihre Machtansprüche abgeleitet, verbunden mit dem Aufbau von Machtapparaten - Stabilisierung im Inneren durch den Polizeistaat, offensive Ausrichtung der Streitkräfte nach außen. Dass Hitler gegenüber der Sowjetunion davon zuerst `Gebrauch gemacht hat´, ist durch die Geschichte erwiesen, wann und inwieweit Stalin nach Westeuropa gegriffen hätte, kann man nicht sagen. Auch die sowjetische Politik nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg gibt auf diese Frage keine verwertbare Antwort. Dass sich beide Regime aber gegenüberstanden und jedes Arrangement “friedlicher Koexistenz” immer nur auf Zeit gegolten hätte, ist nahezu Gewissheit.

Dies war aber nicht Noltes Anliegen, ihm ging es um eine Erklärung des Nationalsozialismus, wobei er mit den Überlegungen zum Rassismus/Antisemitismus an den Rand seiner Wissenschaft geriet. Ihn traf der Vorwurf, als erster Historiker den Antisemitismus zu verstehen und zu rechtfertigen.  Die Ursachen  des national-sozialistischen  Rassismus und dessen Entwicklung zur Tötungsmaschinerie  eines Staates im 20. Jahrhundert konnte allerdings kein Historiker bisher einleuchtend erklären. Wir wissen, was Nationalsozialisten gedacht, geschrieben, geplant und getan haben, aber wie christliche und humanistische Werte in Deutschland ihre Geltung verloren, staatlich gelenkte Niedertracht  das menschliche Verhalten bis zur Vernichtung nicht genehmen anderen menschlichen Lebens beherrschen konnte, ist mit nüchterner Wissenschaft anscheinend nicht zu fassen. Die Reaktion von Noltes Gegnern im Historiker-Streit fiel harsch aus; aber die Frage nach dem “warum” und “wie” muss weiter gestellt werden. Hierzu keine eigene Erklärung, sondern zwei Anmerkungen:    

Erstens, die rasseideologische Einordnung der Juden im Dritten Reich (Antisemitismus) war schon im Ansatz falsch, denn das Judentum ist eine Glaubensrichtung, gehört zu den Wurzeln des Christentums (Alt. Test.: 10 Gebote) und hat  keine ethnische Bindung an die Semiten (Palästina). Ursprung des zwei Jahrtausende alten christlichen (auch kirchlichen) Anti-Judaismus war der Vorwurf, dass die Juden Jesus verraten haben. Dies schürte - bestärkt durch ihr religiöses Eigenleben - das Misstrauen gegenüber jüdischen Mitbürgern und war ein Vorwand zu deren Ausgrenzung.  Im Laufe der Zeit wurden sie zu willkürlichen Opfern des Volkszorns und mussten als Sündenböcke herhalten, z.B. für die Ausbreitung der Pest. Zweitens, den Juden in Deutschland standen nach der Reichsgründung 1871 die vollen Bürgerrechte zu. Kaiser Wilhelm II. verkehrte mit wichtigen jüdischen Persönlichkeiten und honorierte deren für Deutschland erbrachte Leistungen. Die jüdischen Bürger waren ebenso Patrioten wie die nicht-jüdischen; viele konvertierten zum Christentum. Dennoch gab es in der Gesellschaft unterschwellig antijüdische (religiös/gesellschaftlich) und antisemitische (rassistisch) Haltungen. Letztere zeigten sich auch in radikalen öffentlichen Äußerungen, jedoch noch ohne großen Widerhall. In der Armee wurde Juden regelmäßig der Aufstieg in Offiziersränge verwehrt (berufsständische Haltung der Armeeführung). Siehe hierzu Wilhelm Frankl. Nach 1918 leisteten deutsche Juden in Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft ihren Beitrag für ein neues Deutschland nach dem 1. Weltkrieg, bis zur Ächtung in den 30ern.

Der fanatische Antisemitismus der Nationalsozialisten war ein radikaler, ab 1933 staatlich gelenkter Bruch mit der deutsch-jüdischen Geschichte und allem, was sich für das Zusammenleben im Deutschen Reich auch positiv entwickelt hatte: Das Judentum passte nicht zum erfundenen arisch-germanischen Rasseideal, das ethnologische wie historische Fakten ignorierte oder verbog (man lese “Des Teufels General”, Passage über die rheinische Bevölkerung). Die Juden, in der NS-Ideologie vorgeblich eine Gefahr für die Welt wie für die Existenz Deutschlands, waren dagegen wehrlos und wurden zu leichten Opfern (In der deutschen Bevölkerung gab es Ende der 1920er Jahre etwas über eine halbe Million Juden, also 0,8%. Sie lebten überwiegend in Städten; in Berlin waren es etwa 144.000, 3,8% der Bevökerung. Sie waren überproportional vertreten in der Anwaltschaft und bei den Medizinern; sie traten auch in Kunst und Unterhaltungsindustrie hervor. Die große Mehrheit der sechs Millionen ermordeten Juden kam aus den im Krieg von Deutschland besetzten Staaten.).

Es hat zu allen Zeiten Völker und politische Systeme gegeben, die sich für auserwählt oder überlegen hielten und daraus Ansprüche ableiteten. Diktatur wie Imperialismus waren früher und sind heute Teil der weltpolitischen Realität. Man könnte Noltes Arbeit zum Faschismus daher als einen Versuch ansehen, das historisch `Nicht-Einzigartige´ der NS-Herrschaft gesondert zu betrachten und so die Wucht der ethisch-moralischen Verurteilung Deutschlands abzumildern. Nur: Was wäre angesichts des Holocaust damit gewonnen? 

24.08.2016: Altbundespräsident Walter Scheel (Amtszeit 1974 - 79) ist verstorben. Als Außenminister (1969 - 74) wirkte er an der Ost-Politik Willy Brandts mit, bremste jedoch das von Egon Bahr (“Wandel durch Annäherung”) gewollte weitreichende Einlenken gegenüber der Sowjetunion. Scheel trug den Wandel  vom starren Festhalten an Rechtspositionen zur  realpolitischen Verhandlung über die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs mit, nicht aber die Zementierung der deutschen Teilung oder eine international verminderte Stellung der Bundesrepublik. Sein Nachfolger, H.D. Genscher, entwickelte diese Linie weiter. Als Mitautor der Freiburger Thesen zur FDP-Programmatik (1971) erwies Scheel sich als moderner, “strategisch” denkender Politiker.

Scheel wurde im Zweiten Weltkrieg Luftwaffenoffizier und diente im Nachtjagdgeschwader 1 von Oberst Wolfgang Falck (Autobiographie “Falkenjahre” - eine aufschlussreiche Quelle zur Luftwaffengeschichte.  Scheel schrieb das Vorwort und wird auf S. 258. erwähnt. Falck war der “Falkenstaffel” des Jagdgeschwaders 74 “Mölders” besonders verbunden.). Scheel brachte die FDP-Fraktion dazu, die in der MöldersInfo erwähnte Kleine Anfrage zum Fall Mölders zu stellen, die vom damaligen Parl. Staatssekretär Kolbow unzutreffend beantwortet wurde.

Während seiner Zeit als Bundespräsident wurde behauptet, Scheel sei Miglied der NSDAP gewesen. Er bestritt dies und sagte, dass er sich nicht erinnert, einen Antrag gestellt zu haben.  Man kann vermuten,  dass Scheel als 19-Jähriger während seiner Banklehre, von der aus er zur Wehrmacht eingezogen worden ist, den “väterlichen Rat” erhielt, der NSDAP beizutreten, wenn er Karriere machen wolle. Die Aufnahmebestätigung kam mitten im Krieg und wurde nicht wirksam, weil Soldaten nicht Parteimitglieder sein durften. Dass dies angesichts der damaligen Verhältnisse und Jugend (des seinerzeit noch nicht einmal Wahlberechtigten) Scheels ausgegraben - und wie es gegen ihn gehalten wurde -, wirft ein Schlaglicht auf unsere Erinnerungskultur.

Trotz seines strategischen Schwenks zu sozial-liberalen Vorstellungen: Scheel kam aus dem national-liberalen Flügel der FDP, der sich aufgelöst hat. Die national-liberale “Farbe” ist in unserem politischen Spektrum heute kaum mehr erkennbar - ein Manko.

Oktober 2016/rev 2017: Die “Reichsbürger”-Bewegung ist in letzter Zeit stärker in Erscheinung getreten, es gibt sie aber schon länger. Die Reichsbürger leugnen die rechtmäßige Existenz der Bundesrepublik und behaupten, das Deutsche Reich hätte den Zweiten Weltkrieg überlebt - mit Varianten in dieser Auffassung (Staatsgrenzen, Besatzungsstatus ...). Die Ränder dieser Bewegung sind nicht genau auszumachen; ihr Kern tut sich hervor durch Ausstellung eigener Staatsbürgerschaftspapiere und Verweigerung gegenüber unseren Staatsorganen (Justiz, Finanzverwaltung ...). Durch Gewaltausübung fallen Reichsbürger erst seit wenigen Jahren auf. Sie werden dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet, ohne dass man sie einfach - beispielsweise - der NPD zurechnen könnte.

Wie man aber die Bundesrepublik als unrechtmäßig ablehnen kann, ist geschichtswissenschaftlich und staatspolitisch nicht nachzuvollziehen:

Das Deutsche Reich hat nicht nur den Zweiten Weltkrieg verloren, sondern 1945 auch bedingungslos kapituliert, war also nicht mehr handlungsfähig. Dies war völkerrechtlich eine sogenannte “Debellation” und es stellt sich die Frage nach dem Untergang Deutschlands als eigenständiges Staatswesen. Damals haben die westlichen Siegermächte (vgl. Churchills öffentliche Reden nach Kriegsende) ihre Politik auf den Wiederaufbau Deutschlands als Republik mit demokratischer Regierung ausgerichtet und diesen Wiederaufbau auch konkret betrieben. Der Bundesrepublik wurde ab 1948 schrittweise Eigenständigkeit zugestanden. Die deutsche Politik verstand sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches mit allen Konsequenzen (z.B. sog. Wiedergutmachung) und dies wurde von den westlichen Siegermächten akzeptiert (nicht von der Sowjetunion, die mit der DDR einen sozialistischen Staat geschaffen hatte, der den historischen und rechtlichen Bruch mit dem “alten” Deutschland vollziehen sollte). Mit dem 2+4-Vertrag 1990 (Ratifizierung 1991) haben die Siegermächte einschließlich der Sowjetunion mit Deutschland endgültig Frieden geschlossen und der Bundesrepublik die uneingeschränkte Souveränität zugestanden; das Staatsgebiet sollte mit der Wiedervereinigung die Gebiete der Bundesrepublik (alt) und der DDR umfassen. Darin zeigt sich eine kontinuierliche Wandlung vom Deutschen Reich über die Bundesrepublik (alt) bis zum vereinigten Deutschland; der “Friedensvertrag” von 1990 schließt diese Übergangsphase ab und weist dabei die deutsche Willensbildung zur Zukunft des Landes aus: Deutschland existiert als vereinigte, föderale Republik. Das Deutsche Reich ist also abgeschafft und zwar durch den gemeinsamen Willen von Siegermächten und deutschem Parlament. Die verfassungsrechtliche Grundlage der Republik ist das Grundgesetz von 1949 (Stand 2014).

Juni 2017: Am 16.06.2017 ist Altbundeskanzler Helmut Kohl verstorben. Er gehört zu den großen Staatsmännern des 20. Jahrhunderts; hier ist nicht Platz und Ort für eine umfassende Würdigung: Im folgenden werden Schlaglichter gesetzt, die in die Thematik der MöldersInfo gehören.

Kohl war Historiker und dies war immer wieder zu spüren: Er sprach von der “Gnade der späten Geburt” und meinte damit, dass er sich nicht dem Nazi-Regime stellen und im Dritten Reich bewähren musste. Diese Sichtweise bewahrte ihn vor der überheblichen Haltung vieler Nachgeborener, die leichtfertig über die Menschen unter dem NS-Regime urteilen. Kohls Geschichtsverständnis und die politischen Folgerungen, die er aus der Geschichte zog, wurden symbolhaft deutlich, als er und Mitterand Hand in Hand der Opfer von Verdun im Ersten Weltkrieg und - ebenso eindrucksvoll - er und Reagan der Opfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Bitburger Soldatenfriedhof gedachten. Letzteres war umstritten, weil sich dort auch Gräber von Angehörigen der Waffen-SS befinden.

Der Altkanzler war sich Bismarcks Politik bewusst, Deutschland im 19. Jahrhundert als Staat in der Mitte, mit vielen Nachbarn, durch ein Gleichgewicht der Kräfte nach außen abzusichern. Die Katastophen des 20. Jahrhunderts begannen, als das politische Erbe Bismarcks zerbrochen war. Folgerichtig stellte Kohl sich in die Kontinuität mit Konrad Adenauers Grundentscheidung, während der Zeit zunehmender Ost-West-Konfrontation die (alte) Bundesrepublik in die Gemeinschaft westlicher Demokratien zu integrieren - transatlantisch, besonders aber in Europa und vorrangig im Zusammenwirken mit dem früheren “Erzfeind” Frankreich.

Die Beziehungen zu den Staaten des Warschauer Pakts und besonders zu dessen Führungsnation, der Sowjetunion, mussten weiterentwickelt werden, wenn die - von Kohl nie aufgegebene - Wiedervereinigung eines Tages erreichbar sein sollte. Dabei war ihm klar, dass die historische Logik es erforderte, keinen deutschen Sonderweg - wie immer der hätte aussehen können - zu gehen, sondern eine vertrauensbildende Einbindung Deutschlands in die europäische Gemeinschaft zu schaffen. Dies konnte aus damaliger Sicht langfristig im Interesse sowohl der USA als auch der Sowjetunion sein, wenn so politische Stabilität und Berechenbarkeit der europäischen Entwicklung erreicht würden. Allerdings war ein Einvernehmen mit der Sowjetunion nicht möglich, solange sie sich der Ost-West-Konfrontation gewachsen sah und darauf hoffen konnte, die westeuropäische Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Erst mit der fortschreitenden wirtschaftlichen und politischen Schwäche der Sowjetunion - besonders im Verhältnis zu den USA unter Reagan, verstärkt durch die Erosion des real existierenden Sozialismus in mehreren Warschauer Pakt-Staaten einschließlich der DDR - ging gegen Ende der 1980er Jahre ein historisches Fenster auf, das Kohl erkannte.

Es wird oft gesagt, dass die Verbesserung der deutschen Position gegenüber der Sowjetunion unter Kohl auf der Ost-Politik Willy Brandts aufbaute. Brandt setzte im Verhältnis zu den osteuropäischen Staaten auf “Wandel durch Annäherung” -  konzipiert von Egon Bahr, dessen weitreichenden Vorstellungen der damalige Außenminister Scheel im Ansatz folgte, dabei aber langfristige Risiken für Deutschland zu vermeiden suchte (verminderte Westbindung, Unterhöhlung des grundgesetzlichen Wiedervereinigungsgebots). Brandts Ostpolitik erregte nicht nur Argwohn in westlichen Hauptstädten, sondern geriet auch in die Sackgasse, weil es nur wenig Spielraum für weiteres Entgegenkommen gegenüber der Sowjetunion gab. Unter Brandts Nachfolger, Helmut Schmidt, verlagerte sich diese Entspannungspolitik daher hauptsächlich in den Bereich Abrüstung und Rüstungskontrolle. Bei den Wiener MBFR-Verhandlungen über beiderseitige ausgewogene Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte (einschließlich atomarer Waffen für den Gefechtsfeldeinsatz) war auch nach mehrjährigen Debatten kein Ergebnis in Sicht. Deshalb wurden von der Regierung neue Vorschläge erwogen, bei denen Bundesrepublik und DDR zu einer Sicherheitszone mit vermindertem internationalen Status geworden wären. Wiederum bremste der Außenminister, Scheels Nachfolger Hans-Dietrich Genscher, für den nur ein multilateraler Abrüstungsvertrag mit Deutschland als Gleichem unter Gleichen in Frage kam. Genscher setzte sich durch.

Helmut Schmidt erkannte als ausgewiesener Stratege das wachsende Ungleichgewicht der atomaren Potentiale in Ost und West. Die modernen sowjetischen Mittelstreckenraketen (SS-20 mit jeweils mehreren Nukleargefechtsköpfen) waren allein auf Europa gerichtet und es stellte sich die Frage, ob Westeuropa nuklear erpressbar werden könnte und dann womöglich von der nuklearstrategischen Reaktion der USA abgekoppelt wäre. Es ging nicht um akute sicherheitpolitische Risiken, sondern um strategische Sichtweisen und Absichten der Sowjetunion. Die Sowjetunion verstand sich nicht als europäische Macht, sondern als Supermacht, die ihre Stärke regional ausspielen durfte - demonstrativ mit den SS-20 - und darüber allenfalls mit der anderen Supermacht, den USA, verhandeln würde.  Es geht besonders auf Schmidts strategische Analyse und Initiative zurück, dass die NATO unter Führung der USA die Abrüstung der SS-20 verlangte und, als die Sowjetunion dies ablehnte, die Stationierung eigener Mittelstreckenraketen (Pershing 2) mit Reichweiten bis ins Herz der Sowjetunion vorbereitete (NATO-Doppelbeschluss). Schmidt wurde 1982 abgewählt, weil der Koalitionspartner (FDP) den Bruch wollte, vordergründig wegen der Wirtschafts- und Finanzpolitik (Lambsdorff-Papier), vermutlich jedoch weil die Koalition generell “verbraucht” war. Schmidt hatte nicht zuletzt wegen des Widerstandes aus der eigenen Partei (SPD) gegen den NATO-Doppelbeschluss an Rückhalt verloren. Erst Kohl setzte den Beschluss auch in Deutschland unter schwersten Anfeindungen durch.

Für Kohl galt: Vertrauen in die deutsche Politik musste in West und Ost gewonnen werden und zwar auf Dauer. Brandts Ostpolitik und Schmidts Rüstungskontrollpolitik (unterstützt mit Genschers Ansatz “Konfliktvermeidung und Interessenausgleich durch internationale Abkommen”, Stichwort KSZE/OSZE) waren konstruktive Vorleistungen. Vertrauen ist indes verbunden mit Berechenbarkeit, indem man deutsche Interessen und Positionen klar vermittelt. Mit der Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses hat Kohl nicht nur Standfestigkeit bewiesen, sondern auch die deutschen Sicherheitsinteressen unmissverständlich vertreten. Dies hat ihm in Ost und West Respekt eingetragen; seine Haltung war berechenbar. Hierzu war, wie oben schon erwähnt, ebenso wichtig, die deutschen Interessen im europäischen Rahmen zu verfolgen und Deutschland fest in der Europäischen Gemeinschaft (heute: Union) zu verankern. All dies wurde zur Basis dafür, dass Kohl - als die politische Konstellation es ermöglichte - schließlich die deutsche Einheit herbeiführte und zur Überwindung der europäischen Spaltung beitrug. Eine besondere Rolle haben die persönlichen Beziehungen zum US-Präsidenten Bush (sen.), zum sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, zu Staatspräsident Mitterand und zu Ministerpräsidentin Thatcher gespielt; Bush und Gorbatschow hatten die Wiedervereinigung als historische Entwicklung akzeptiert, während Mitterand und Thatcher zunächst skeptisch blieben. Mitterand konnte aufgrund der klaren Europapolitik Deutschlands vermutlich leichter überzeugt werden.

Kohl trat den Bedenken im Land, dass die deutsche Einheit mit enormen Belastungen verbunden sein würde, immer wieder entgegen. Sein Wort von den “blühenden Landschaften” im Osten bewahrheitete sich später als gedacht. Er hatte nicht mit dem Zusammenbruch des osteuropäischen Marktes der DDR gerechnet und die Leistungsfähigkeit der DDR-Wirtschaft überschätzt, wie viele deutsche Politiker und Experten vor und nach “der Wende”. In historischer Perspektive war es eine kurze Zeit, weniger als eine Generation, bis die Vergleichbarkeit der alten und neuen Bundesländer erreicht wurde.

Was die Bundeswehr anbelangt, blieb es wie unter seinem Vorgänger Schmidt und dessen Verteidigungsminister Hans Apel: Kohl sagte zwar “die Bundeswehr bekommt was sie braucht”, aber die Ressourcen waren knapp und den Strukturen drohte Aushöhlung. Zwei Eckpunkte blieben für Kohl jedoch besonders wichtig, die Erhaltung der Wehrpflicht und ein signifikanter Streitkräfteumfang (mit Gorbatschow hatte er eine Präsenzstärke von 370.000 besprochen). Hier zeigt sich wieder der Historiker: Er versetzte sich in die sowjetische (heute auch russische) Sichtweise, die darauf gerichtet war, welches militärische Potential in kurzer Zeit von uns mobilisiert werden könnte - wobei unsere Mobilisierungsfähigkeit in den 80er/90er Jahren von Moskau aufgrund der Weltkriegserfahrung sicherlich überschätzt wurde. Zu Zeiten der “Friedensdividende”, die schon zu Kohls Zeit massiv gefordert wurde, ist das strategische Denken, das auch dem Historiker Kohl zu eigen war, allmählich verloren gegangen und zwar bis heute.

Vor und zu Beginn seiner Amtszeit forderte der christlich und konservativ geprägte Kohl eine “geistig moralische Wende” in Deutschland. Sie hätte alle Bereiche der Politik in Bund und Ländern erfassen müssen. Nach dem ebenfalls konservativen SPD-Politiker Schmidt sowie mit dem Verbleib von dessen Koalitionspartner FDP in der Bundesregierung setzte sich nicht viel davon durch: Kohl ging es um die gesellschaftlichen Umbrüche durch die sogenannte “68er”-Bewegung, die “eine Umwertung von Werten” zur Folge hatten (in Wirklichkeit einen Werteverlust), vor allem mit dem geforderten Vorrang individueller Selbstverwirklichung vor dem Gemeinschaftsbezug und mit der Relativierung des Leistungsprinzips (eigene Leistung als Grundlage von Lebensunterhalt und Wohlstand). Kohl waren Haltung und Ansprüche der “68er” zwar zuwider, aber in der praktischen Politik  hat er den von ihm empfundenen gesellschaftlichen Konflikt nicht aufgelöst.

Als er 1998 zum letzten Mal zur Wahl antrat und gegen Gerhard Schröder verlor, war es ein regulärer demokratischer Wechsel. Der Beobachter konnte den Eindruck gewinnen, dass Kohl dies ohne Bitterkeit ebenso empfand. Er war viel zu erfahren, als dass er die Verschleißerscheinungen in der Koalition und in seiner Partei übersehen hätte - nach 16 Jahren Regierungsverantwortung nur normal.

Kohl war nach seiner Amtszeit in die sogenannte Spendenaffäre der CDU verwickelt. Er hatte hohe Parteispenden angenommen, die nicht vorschriftsmäßig verbucht und veröffentlicht wurden. Ein Rechtsverstoß, der damals aber noch nicht strafbewehrt war. Sein persönliches Image und das seiner Partei waren dadurch angekratzt. Kohl ließ sich bis zum Tod nicht die Namen der Spender entlocken; er sorgte jedoch dafür, dass der mit dem Spendenverstoß verbundene finanzielle Schaden seiner Partei ausgeglichen wurde. Wie - das blieb sein Geheimnis. Als Ehrenvorsitzender der CDU konnte er nur zurücktreten, Freunde hielten zu ihm.