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Glosse 1.10

Die Käßmann-Attacke ... altes Lied, neue Tonlage

Die wegen ihres persönlichen Fehlverhaltens zurückgetretene Bischöfin Käßmann erfährt viel Respekt für ihre Entscheidung sowie für die zuvor geleistete Arbeit - als starke Stimme des Protestantismus und (so Bundeskanzlerin Merkel) als geschätzte Gesprächspartnerin, Seelsorgerin und Theologin. Schon vorher meinte Bundespräsident Köhler, dass Frau Käßmann uns allen mit ihrer Dresdner Neujahrspredigt einen Dienst erwiesen habe. In der nachfolgenden Glosse wird die Persönlichkeit Käßmanns nicht in Frage gestellt; bei nüchterner Betrachtung ist aber festzuhalten, dass die EKD unter ihrem theologischen Einfluss eher polarisiert hat, nach aussen wie nach innen, und die Protestanten sich von der heutigen Kirchenleitung bei weitem nicht geschlossen gut vertreten sehen. Die Verengung auf gewisse politische Auffassungen und eine zumindest teilweise Abkehr von der vermeintlich zu obrigkeitsgläubigen Lehre Luthers sind zwei Kritikpunkte.

Der unten beschriebene wirklichkeitsfremde, unbedingte Pazifismus wird die Politik der EKD auch nach dem Abgang von Frau Käßmann deutlich prägen. Er hat Züge eines wohlfeilen Populismus. Die Glosse 1.10 bleibt aktuell!

 M.V.  Stand 25.02.2010

AFP-Meldung vom 24. Dezember 2009, 0740 Uhr MEZ: Die Ratsvorsitzende der EKD, Bischöfin Margot Käßmann, hält den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan für sinnlos; er sei selbst “bei weitester Auslegung” mit der evangelischen Lehre unvereinbar. Sie forderte den baldigen Rückzug der Bundeswehr aus dem Einsatz. Zudem sagte sie bei der Neujahrspredigt in Dresden, dass in Afghanistan Zivilisten getötet werden und die Dresdener wissen, wie das ist.

Die Bischöfin dachte nicht an die Soldaten und ihre Familien, als sie dies ausgerechnet zu Weihnachten verkündete. Und es war ein moralischer Missgriff, den Bombenterror des Zweiten Weltkriegs mit den zivilen Opfern des Anti-Terror-Einsatzes in Verbindung zu bringen. Aber es waren keine unbedachten Ausrutscher. So bekannte Frau Käßmann Ende Dezember in einem Interview, den “Krieg” am Hindukusch “nie verstanden” zu haben. Sie misstraut dem von Bundesregierung und Bundestag beschlossenen Konzept der “vernetzten Sicherheitspolitik”, denn sie versteht zivile und militärische Massnahmen zur Krisen- und Konfliktbewältigung eher als Gegensätze und fürchtet, dass in der Sicherheitspolitik allzu selbstverständlich auf militärische Handlungsoptionen zurückgegriffen wird. Ihre Forderung, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, überrascht daher nicht.  

Was zunächst als fundamentale Kritik am Afghanistan-Einsatz aufzufassen war, entpuppte sich als Ideologie des Pazifismus. Pazifistische Strömungen fanden seit 1945 im Protestantismus starken Widerhall, beherrschten zeitweise die Kirchenpolitik und bestimmten oft das Erscheinungsbild der EKD. Mit Bischöfin Käßmann gewinnt nun eine rigorose Pazifismus-Auffassung die Oberhand. Aber sie gilt nicht unwidersprochen: Bundeskanzlerin Merkel, selbst Tochter eines evangelischen Pastors, wies darauf hin, dass es in ihrer Kirche auch andere Meinungen gebe und sie die Auffassung von Frau Käßmann nicht teilt. Bei Licht besehen kann man auch annehmen, dass die deutschen Protestanten mehrheitlich eine realistische Sicherheitspolitik wollen, die einerseits auf die Bewahrung des Friedens ausgerichtet ist, andererseits die Sicherheit unseres Landes gewährleistet. Die Unterstützung dafür hängt allem Anschein nach mehr von einer überzeugenden politischen Begründung als von abstrakten Glaubenssätzen ab. Gleichwohl ist die Aussage der Bischöfin nicht zu ignorieren, wonach Kriege grundsätzlich nicht zu rechtfertigen sind und es keine gerechten Kriege geben kann. Ein Artikel in BILD zeigt, wie weit die Meinungen auseinander gehen:

Professor Wolffsohn lehrt an der Bundeswehr-Universität München und bekennt sich zum jüdischen Glauben. M.V.

In der EKD wird jahrzehntelang eingeübter Pazifismus theologisch verkleidet und politisch benutzt. Er überstrahlt - so scheint es jetzt - die theologischen Themen des Protestantismus. Ein langer Kommentar in FAZNet vom 19.01. schildert unter dem Titel ”Die wunderbare Welt der Bischöfin Käßmann”, wie die evangelische Lehre in der EKD verengt wird und sich einseitig verfestigt. Je publikumswirksamer sie vertreten wird, desto mehr kann sie sich aber selbst schaden: Wenn das Motto ist “Wir haben die Moral, ihr die Probleme” und wenn “Frau Käßmann an keiner Stelle gesagt hat, wie aus der von ihr geforderten Phantasie (für eine neue Friedenspolitik ohne militärische Massnahmen) Wirklichkeit werden könnte”, kann man die evangelische Kirche leicht als Organisation der Wirklichkeitsverweigerer an den Rand schieben. Selbst wenn sie es wieder in die Schlagzeilen schafft, verliert sie an Einfluss auf die politisch Handelnden und an Glaubwürdigkeit bei den Bürgern, die am christlich-humanistischen Erbe unseres Landes festhalten wollen. Dies hält auch General a.D. Naumann, ehemals Generalinspekteur der Bundeswehr und zuletzt als Vorsitzender des Militärausschusses oberster Soldat der NATO, der Bischöfin vor. In einem harschen Brief greift er Frau Käßmann persönlich an. Seine Vorhaltungen finden Sie hier: Naumann an Käßmann

Es ist nicht so, dass die evangelischen Christen all dies unter sich ausmachen können. Vielmehr geht es um eine gesamtgesellschaftliche Problematik, wenn eine der beiden größten Amtskirchen Maß und Realitätssinn verliert. Und daraus ergibt sich eine direkte Verbindung zum Hauptthema der moelders.info, die Traditionsbildung der Bundeswehr: Die Tradition ist an ethisch-moralische Werte gebunden; wichtige Punkte sind dabei die Einordnung der Soldaten in Staat und Gesellschaft sowie der Rückhalt der Bürger für ihre Armee. Fragen wir uns, wie der evangelische Soldat heute für seinen Beruf Orientierung findet!

Evangelischen Soldaten wird nicht erst seit heute ein Konflikt aufgenötigt. Wenn sie die Politik der EKD ernst nehmen, können sie nicht zugleich ihrer Kirche und dem Staat gegenüber loyal sein. Ist es ein Ausweg, dass im Protestantismus die zentrale Lehrmeinung weniger zählt als in anderen Glaubensbekenntnissen, dass der Protestant sein Verhalten vor dem Herrn allein und unmittelbar verantwortet? Das ist Luthers größte Errungenschaft und könnte alle trösten, denen die Käßmann-Politik zunächst zugesetzt hat. Dieser Politik muss entgegen gehalten werden: Nicht der unbedingte Frieden ist das höchste Gut, sondern der Frieden in Freiheit. Er ist die sicherheitspolitische Maxime unseres Grundgesetzes und daran sind die Soldaten gebunden.

Es wäre eine unfaire Unterlassung, an dieser Stelle über die schwierige Lage hinweg zu sehen, in die unsere evangelischen Militärpfarrer durch die Politik der EKD geraten. Der mutige Brief des Militärdekans aus Kunduz an Bischöfin Käßmann zeigt, dass ihnen weniger Raum zum Ausweichen bleibt als den Soldaten, die sie seelsorgerisch betreuen: Ev PfarrerPRTKunduzBriefanKäßmann2010

Michael Vollstedt

P.S. 1) Der katholische Militärbischof Mixa hat in der öffentlichen Diskussion auf die strengen Kriterien und Regeln hingewiesen, unter denen Waffeneinsätze für seine Kirche überhaupt nur hinnehmbar sein könnten. Sie richten sich vorrangig an die Politik und nehmen auch die Soldaten in die Pflicht, grenzen sie aber nicht aus. Weihbischof Jaschke (Hamburg) hat dazu in einem Zeitungsartikel unter anderem ausgeführt: “ ... Für Christen ist es wichtig, dass die (von uns ausgeübte) militärische Gewalt durch die UNO und unser Parlament legitimiert ist. Sie dient dem Schutz der Schwachen ... und sie hat eine humane Ordnung zum Ziel. Wer sich gegen Terror und Gewalt wehrt, ist kein schlechter Christ ... Die Soldaten und Soldatinnen leisten einen verantwortungsvollen und notwendigen Dienst. Sie sind aber immer ihrem christlichen Gewissen verpflichtet, sich menschlich zu verhalten und Unschuldige zu schützen. Die öffentliche Diskussion über den Afghanistan-Einsatz darf nicht von Emotionen bestimmt sein. Die Kirche muss die Soldaten und Soldatinnen in ihrem Dienst bestärken. Denn viele von ihnen trägt ihr christlicher Glaube ...”

P.S. 2) Die ethische Verantwortbarkeit des Waffeneinsatzes wird oft, nicht nur von Bischöfin Käßmann, mit der Frage ziviler Opfer verbunden. In der Weiterentwicklung der Bundeswehr-Tradition muss dies ein besonderer Aspekt sein. Deshalb ist eine Klarstellung nötig:

Der simple Gegensatz, hier Soldaten oder Kämpfer und dort zivile Bürger, ist wirklichkeitsfremd. Es mangelt schon an den richtigen Begriffen. So sind auf afghanischer Seite - abgesehen von Gefallenen und Verwundeten der afghanischen Armee - alle Getöteten und Verletzten zivile Opfer. Das gilt ebenso für die Taliban; sie werden als Kriminelle betrachtet. Es müßte also zwischen Beteiligten und Unbeteiligten bzw. Schuldigen und Unschuldigen unterschieden werden. Diese Unterscheidung mag im Nachhinein gelingen, in einer Gefechtssituation aber meist nur mit hoher Wahrscheinlichkeit, nie mit letzter Sicherheit. Denn die Taliban leben mit oder bei der Bevölkerung und greifen aus dieser heraus alliierte Truppen an. Sie machen freiwillige und gezwungene Unterstützer, sympathisierende Mitläufer und Landsleute, die sich ihnen aus Furcht nicht widersetzen, zu Helfern für ihre Sache. Wenn es um die Stabilisierung der staatlichen Ordnung und den Wiederaufbau des Landes geht, muß die Rekrutierung der Helfer eingedämmt und schließlich unterbunden werden, vorzugsweise mit zivilen Maßnahmen, aber sicher auch mit militärischem Einsatz gegen die Taliban - sie kämpfen mit Todesverachtung für ihre Ziele und geben nicht freiwillig auf.

 

 

 

                                               

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