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Glosse 1.12 In memoriam Gneisenau

General Graf Neidhardt von Gneisenau war Anfang des 19. Jahrhunderts einer der preußischen Reformer, auf die sich die deutsche und vor allem die Bundeswehr-Tradition beruft. Besonders das Bundesministerium der Verteidigung sieht in ihnen eine “Säule” der Traditionsbildung. Allerdings haben Politik wie Bundeswehr Gneisenaus 250. Geburtstag im Jahre 2010 verschlafen, statt ihn für die historische Bildung zu nutzen.

Gneisenau war ein herausragender militärischer Gegenspieler Napoleons, gerade auch in der kritischen Lage vor der Schlacht bei Waterloo (Wellington: “Ich wollte es wäre Nacht und die Preußen kämen.”), als er anstelle von Feldmarschall Blücher die richtige Entscheidung treffen mußte und traf. Große Reputation als mutiger, fähiger und überzeugender Truppenführer hatte er bereits zuvor in der erfolgreichen Verteidigung der Festung Kolberg gegen Napoleons Truppen erworben. Gleichrangig neben seinen besonderen militärischen Führungsqualitäten trat er mit modernen politischen Vorstellungen von einer Bürgergesellschaft hervor, die den Konservativen in Preußen zu radikal waren und nur teilweise Akzeptanz fanden. So sah er im Bürger eines Landes dessen “geborenen Verteidiger” - Grundlage der Allgemeinen Wehrpflicht! -, wozu der Bürger aber eine rechtlich verbriefte Stellung im Staat haben mußte. Leibeigenschaft oder unverdiente Vorrechte des Adels waren damit nicht vereinbar. Gneisenau kam aus einer Soldatenfamilie, war aber von “niederer Herkunft” und somit ein Beispiel für Aufstiegsmöglichkeiten, die es in Preußen schon gab. Rechtsstaatlichkeit in Justiz und Verwaltung, ebenfalls Voraussetzung für ein staatstragendes Bürgertum, war bereits unter Friedrich dem Großen (“Ich bin der erste Diener des Staates”) weit entwickelt. Gneisenau waren die frischen Ideen der französischen Revolution von 1789 sicher bewusst; er konnte sich in seinen Überlegungen jedoch auf geistige und politische Entwicklungen in Preußen stützen: Evolution statt Revolution.

Da mutet es seltsam an, wenn im Internet-Auftritt der Gneisenau-Gesellschaft e.V. wohl in Anspielung auf die Bundeswehr-Reform steht: “Der alte Militärstaat Preußen wurde von der Wucht des Ideen- und Machtpotentials des revolutionären Frankreichs zerschlagen - ein Beispiel mangelnder vorausschauender Transformation.” Es war doch vielmehr so, dass - unter Wiener Führung! - im versagenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das Königreich Preußen - nur zunächst! - vom mächtigsten Militärregime seiner Zeit besiegt wurde. Und dass dessen Imperator, Kaiser Napoleon I., die Ideale der französischen Revolution (wie andere in Frankreich vor ihm) längst verraten hatte. Ja, intellektuelle Überhöhung und ein Faible für schöne Formulierungen führen leicht in die Irre: Deutschland heute und ein “Transformationsbedarf” vergleichbar 1789? Die Bundeswehr in der Lage Preußens und seiner Streitkräfte im Jahr 1806? Da besinnt man sich bei Gneisenau doch besser auf die Fakten.

 

P.S. Es gibt nach hiesiger Kenntnis zwei Gneisenau-Gesellschaften, die eine (www.gneisenau.de) mit Sitz in Icking, die andere - die in dieser Glosse gemeint ist - ein eingetragener Verein mit Sitz in Fürstenfeldbruck (www.gneisenau-gesellschaft.de), verbunden mit der Offizierschule der Luftwaffe. Bei Letzterer könnte man sich fragen - auch wenn Gneisenau eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Geschichte ist und allemal verdient, dass seiner gedacht wird -, gibt die Luftwaffen- oder Luftstreitkräftegeschichte keinen Namen her, den man für eine Traditionsvereinigung an der Offizierschule nutzen könnte? Übrigens haben beide Vereinigungen in Publikationen an den 250. Geburtstag Gneisenaus erinnert.