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Innere Führung

Die Innere Führung - die Konzeption der Menschenführung in der Bundeswehr - wird von “Intellektuellen” oft verkürzt auf die politischen Vorgaben, nämlich die Eingliederung der Bundeswehr in die Rechts- und Gesellschaftsordnung Deutschlands sowie das damit verbundene Leitbild vom “Staatsbürger in Uniform”. Während diese Konzeption zu Recht auch heute noch, sechs Jahrzehnte nach ihrer Einführung, als modern gilt, wird oft übersehen, dass sie von ehemaligen Wehrmachtoffizieren entwickelt und in den Streitkräften umgesetzt worden ist. Diese Offiziere haben die Konzeption der Inneren Führung, wie schon der Name besagt, vor allem als Handwerkszeug für den militärischen Vorgesetzten verstanden. Sie haben aus ihrer Kriegserfahrung geschöpft und es war ihnen selbstverständlich, dass moderne Menschenführung den einsatzfähigen wie einsatzwilligen Soldaten hervorbringen muss, insbesondere durch die sogenannte “Auftragstaktik” (Führen durch Auftragserteilung, wobei die Durchführung in der Eigenverantwortung des Auftragsempfängers liegt). Die Notwendigkeit von angemessener Härte und Einsatznähe in der Ausbildung wurde ebenso hervorgehoben. Es war ein professionelles und zugleich menschliches Führungsverhalten gemeint, das so bei weitem nicht überall, aber doch nicht selten bereits in der Wehrmacht praktiziert worden ist. Dies war noch keine Innere Führung im heutigen Sinne, aber das manchem Vorgesetzten damals eigene Gefühl für die Würde und die Bedürfnisse der ihnen anvertrauten Soldaten ist ein entscheidender Teil und insoweit ein “Vorlauf” der heutigen Führungskonzeption.

Mölders gehörte zu denen, denen die Würde jedes seiner Soldaten und Kameraden bewusst war. Er war gläubiger Katholik, auch wenn er es im Dienst strikt vermied, dies nach außen zu tragen. Die Art und Weise, wie er führte und mit den Soldaten umging, leitete sich aus seinem christlichen Menschenbild ab. Dabei tritt die Wertebindung, die im “Traditionserlaß” von 1982 gefordert wird, klar hervor. Zur Verdeutlichung soll eine Zusammenfassung von Aussagen dienen, die der Mölders-Biographie von Braatz (S. 295 -299) entnommen wurden.

Im Frühjahr 1941 wurde ein Psychologe, Prof. Dr. Skawran, in Mölders´Geschwader aufgenommen, um im Auftrag der Luftwaffen-Führung Grundlagen für die Personalauswahl und Schulung von Jagdflugzeugführern zu erarbeiten. Er notierte: “Auf mich hat Mölders von allen, die ich hier kennen lernte, den stärksten Eindruck gemacht. Für sein Alter ist er von einer unvorstellbaren Reife und Sicherheit im Urteil und dabei von einer menschlichen Güte, die alle seine Leute für ihren ´Vati´ Mölders  durchs Feuer gehen läßt. Bei aller Freundlichkeit aber gibt er eine gewisse Zurückhaltung nie auf. Allen gegenüber wahrt er einen gewissen Abstand.”

Wenn Mölders keine Einsätze flog oder Termine hatte, war er für jeden Angehörigen seines Geschwaders zu sprechen. Er suchte den persönlichen Kontakt durch häufige Besuche bei seinen Staffeln und Gruppenstäben. So entstand eine Vertrauenskultur, in der sich jeder ernstgenommen fühlte und Fehler schnell korrigiert werden konnten, weil sie nicht aus Furcht vor einer anonymen, unberechenbaren Hierarchie bemäntelt werden mußten.

Skawran berichtet von einer Episode, die ihm als Außenstehendem typisch erschien. Es ging um die Bestrafung eines unpünktlichen Soldaten, die vom Adjutanten - einem studierten Juristen und gerade auch wegen dieser Qualifikation von Mölders geschätzt - gefordert worden war: Am Ende meinte der Kommodore, daß die Juristen nun einmal so seien: Eine Untat sei eine Untat und wer sie begangen hat, müsse bestraft werden. Er, Mölders, suche aber den Fehler immer erst beim Vorgesetzten. Ein Soldat, der sich nicht drückt, wenn er kann, sei eben kein richtiger Soldat.

Das kennt jeder Kommandeur: Man muß sich immer wieder klar werden, wie die eigene Rolle im Verband zu verstehen ist und bestmöglich wahrgenommen werden kann. Mölders hat dazu, anscheinend in erster Linie für sich selbst, Gedanken schriftlich festgehalten und sogar noch 1940/41 ganz allgemein über `Befehl und Gehorsam´nachgedacht: “Autorität darf nicht auf Gewalt beruhen. Sie ist eine Angelegenheit der sittlichen und geistigen Überlegenheit des Vorgesetzten. Der Stolz auf die eigene Untadeligkeit muß im Soldaten das Gefühl der notwendigen Unterordnung überstrahlen. ... Es ist einfach zu sagen. Ihr habt blind jedem Befehl zu gehorchen und nicht zu fragen. Hinter dem Befehl steht die Macht eurer Vorgesetzten, die jeden Ungehorsam brechen werden. Diese Einstellung verkörpert den Militaristen. Ein guter Vorgesetzter wird seine Soldaten so belehren: Ohne Gehorsam kann keine Truppe bestehen. Eure Vorgesetzten können euch zum Gehorsam zwingen, aber ich möchte, daß ihr euch freiwillig unterordnet, aus Überzeugung, daß es so sein muß. Denn Gehorsam ist freiwillige Disziplin. Aus Achtung vor eurer Uniform und aus Achtung vor euch selbst sollt ihr gehorchen. ... Wir brauchen selbstgewählte Ordnung, aber keine Spindschnüffler. Wir wollen auf der Straße tadellos erzogene Soldaten, aber keine Hacken zusammenknallenden Drahtfiguren. Die Grußpflicht ist selbstverständlich, wie auch unter Zivilisten. Aber der Vorgesetzte soll den Gruß wirklich verdienen. ...”

Mölders führte eng und direkt, wo es an Willen und Können fehlte, redete andererseits leistungsbereiten und fachlich Qualifizierten nicht in die Wahl der Wege und Mittel hinein, so lange sie die befohlenen Ziele erreichten. Skawran befand: “ ... eines konnte man immer sagen: (Mölders Reaktionen) waren treffend und überlegen und von einer Treffsicherheit, um die ich ihn beneidete.”

Hören Sie hier ein Radio-Interview mit Mölders von der Ostfront, wie er als Geschwaderkommodore die Leistung der Soldaten herausstellt.