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Luftwaffe 2012

Der Inspekteur der Luftwaffe hat im Oktober 2012 beim Internationalen Fliegertreff der Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte in Waltershausen (Thüringen) seine Auffassung zur Traditionsbildung dargelegt, wobei er sich auf die von Verteidigungsminister de Maizière öffentlich vertretene Sichtweise abstützt, auf frühere Debatten Bezug nimmt und an die von Generalleutnant a.D. Bernhard bei gleicher Gelegenheit im Jahr 2009 gehaltene Rede anschliesst. Seine klaren, vor allem auf die Zukunft gerichteten Vorstellungen sind breit angelegt - beispielsweise behandelte er  Fragen der Erinnerungskultur und in diesem Zusammenhang ausführlich auch die wünschenswerte Würdigung von “Veteranen”; an dieser Stelle ist nur eine auszugsweise Wiedergabe möglich.

Der Inspekteur scheut nicht vor der Frage der Rehabilitierung von Werner Mölders zurück. Seine Auffassung hierzu - persönliche Rehabilitierung, aber keine Wiederaufnahme in die Tradition der Bundeswehr - ist realistisch und menschlich. Als verantwortlicher Truppenführer hat er für sich die Führungsentscheidung getroffen, die der Traditionsentwicklung in seinem Amtsbereich am besten nützt. Das entbindet jedoch nicht von der Notwendigkeit, den Fall - besser: Testfall - Mölders umfassender zu betrachten, die historischen und politischen Zusammenhänge aufzuzeigen und die notwendigen Folgerungen daraus zu ziehen. Die MöldersInfo will diesem Anspruch gerecht werden.

Im folgenden finden Sie vier Seiten des insgesamt 12 Seiten langen Redetextes:

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Sehr geehrte Damen und Herren,

erlauben Sie mir ... noch einige Gedanken zum Umgang mit unserer Geschichte und zum Thema Tradition. General a.D. Bernhard hat ja in seiner Rede vor drei Jahren an gleicher Stelle gefordert, dass die militärische Führung sich dieser Aufgabe stellen müsse. Ich gebe ihm da völlig Recht, denn erst das Wissen über unsere Geschichte befähigt uns Soldaten zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Sinn unseres Dienstes. Historisch-politische Bildung ist daher eine Führungsaufgabe, ebenso wie Traditionsbildung und -pflege.

Dabei geht es zunächst und vor allem anderen um die existentielle Frage nach der Legitimität der Anwendung militärischer Gewalt, nicht nur völkerrechtlich, sondern auch ethisch. Dafür setzen die Erfahrungen aus unserer deutschen Geschichte einen besonderen Maßstab. Diesen Maßstab zu finden erfordert, dass wir uns ehrlich und in ihrer Gesamtheit mit unserer Geschichte auseinandersetzen, also auch mit allen ihren Tiefpunkten. Nur dann können wir für Gegenwart und Zukunft die richtigen Lehren daraus ziehen.

Nun lehrt uns unsere Geschichte, dass der Einsatz militärischer Gewalt ethisch nur gerechtfertigt sein kann, wenn er begrenzt, zur Verhinderung oder Beendigung noch schlimmerer Gewalt und als “ultima ratio” erfolgt. Er muss zudem den Interessen unseres Landes dienen, die sich heute aber nicht nur national, sondern in einem komplexen multinationalen Interessengeflecht definieren. Und der Einsatz militärischer Gewalt muss eindeutig im international anerkannten Rechtsrahmen und auf der Grundlage unserer durch unsere Geschichte geprägten eigenen Werte und Normen erfolgen.

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Um diese Kriterien sicher beurteilen zu können, bedarf es auch des Wissens um den Anteil der Wehrmacht an den Verbrechen des NS-Regimes und wie es dazu kommen konnte. Das Wissen darum sowie das Begreifen der demokratischen Regeln unseres heutigen demokratischen Rechtsstaats schaffen erst die Voraussetzung dafür, dass unsere Soldaten heute darauf vertrauen dürfen, dass sie nur dann in den Einsatz geschickt werden, wenn dieser legitim und moralisch gerechtfertigt ist.

Damit historisch-politische Bildung diesem hohen Anspruch gerecht werden kann, bedarf es freilich nicht nur der Vermittlung von Wissen, sondern auch einer ethisch gebundenen Auswahl historischer Ereignisse, Personen und Taten, um Falsches von Richtigem erst unterscheiden zu können. Das erfordert Mut und kritische Selbstreflexion, ist aber unerlässlich für die Bildung und Pflege von Traditionen für die heutige Generation deutscher Soldaten.

Und diese Traditionen sind und bleiben für uns Soldaten als identifikationsstiftende Kraft wichtig, wichtiger als für viele andere sozialen Gruppen unserer Gesellschaft. Denn Traditionen überliefern Werte und Vorbilder, die uns Orientierung, Maßstab für eigenes Handeln und moralischen Anker geben und nicht zuletzt die soldatische Gemeinschaft stärken. Wo Traditionen nicht gebildet und gelebt werden, kann sich eine Kluft auftun, die den unerlässlichen Zusammenhalt dieser soldatischen Gemeinschaft langfristig zerstören kann. Keine Armee kann es sich daher auf Dauer leisten, auf Traditionen und ihre Pflege zu verzichten.

Nun haben wir es uns in der Vergangenheit mit unserer Tradition auch in unserer Luftwaffe nicht immer leicht gemacht. Das ist verständlich, denn der unerlässliche Bruch mit einer geraden Traditionslinie von der Wehrmachtsluftwaffe zur heutigen Deutschen Luftwaffe hat bis heute zu viel Verunsicherung geführt und manche Narbe hinterlassen.

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Dies liegt zum einen daran, dass so mancher in seinem Bemühen, vor allem eigene und neue Tradition zu schaffen, auch dem Irrtum erlegen ist, man könne Teile der eigenen Geschichte einfach verleugnen oder ausklammern - oder man könne sich mit einem einfachen, zugleich aber stigmatisierenden Urteil von den individuellen Leistungen und den Opfern früherer Generationen pauschal distanzieren. Wie jedes Pauschalurteil ist aber auch dieses falsch. Richtig ist es vielmehr, nichts auszuklammern und sich differenziert mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Das macht Mühe, führt aber auch zu der Erkenntnis, dass es für die Bundeswehr und unsere Luftwaffe neben der allseits anerkannten Traditionslinie des Widerstands auch zahlreiche andere Soldaten der Wehrmacht gab, die nach ethisch-moralischen Wervorstellungen gelebt und gehandelt haben, die unseren heutigen sehr wohl schon entsprachen. Und dies als Kinder einer Zeit, in der dies mitnichten selbstverständlich war.

Wir sollten daher den Mut aufbringen, auch ihrer ehrend zu gedenken und ihren heute noch gültigen und in schweren Zeiten persönlich vorgelebten Wertekanon, ihre vorbildliche soldatische Haltung und militärischen Leistungen in bewusster Kontinuität über die Generationen hinweg nicht auszuklammern. Unser seit 1982 gültiger und, wie ich meine, sehr weiser Traditionserlass lässt dies ausdrücklich zu. Und auch Bundesminisier de Maizière hat in seiner Rede zur Neueröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden vor ziemlich genau einem Jahr den diesbezüglichen Spielraum ausdrücklich zugelassen.

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Gleichwohl müssen Traditionsbildung und -pflege in Streitkräften, die wie die Bundeswehr damit auch ihre Wertegebundenheit und ihr demokratisches Selbstverständnis zum Ausdruck bringen möchten, in einem klar umrissenen Rahmen erfolgen. In der Konsequenz heißt das auch, mit belasteten oder unbrauchbaren Traditionen bewusst zu brechen. Auch im Internetauftritt unserer Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte ist daher richtigerweise die Rede von einer bewussten Auswahl von Menschen und Ereignissen, von Haltung und Taten, die beispielgebend sind.

Eine solche Auswahl kann mitunter ein äußert schmerzhafter Prozess sein, vor allem dann, wenn über die Bewertung historischer Ereignisse und die Rolle einzelner Beteiligter unterschiedliche Auffassungen vorherrschen. Dies kann tiefe Wunden reißen, die nur schwer wieder verheilen. Als ehemaliger Kommodore des Jagdgeschwaders 74 - damals noch mit dem Traditionsnamen Mölders - habe ich damit meine persönlichen Erfahrungen machen müssen. Der Wegfall des Traditionsnamens, aber auch die damit verbundenen bis heute nicht verstummten kontroversen Dsikussionen, haben auch mich persönlich tief berührt und tun es bis heute.

Als Inspekteur der Luftwaffe muss ich trotz dieser persönlichen Betroffenheit jedoch auch sagen, dass ich eine Wiederaufnahme Werner Mölders in das Traditionsgut unserer Luftwaffe unserer Luftwaffe weder für möglich, noch für zweckmäßig halte.

Was ich mir allerdings wünsche ist, dass die im Zuge der Umsetzung des Bundestagsbeschlusses von 1998 eingetretene Infragestelllung der persönlichen Integrität Werner Mölders, wieder geheilt würde, um seiner und der Ehre der Familie Mölders wegen.

Damit dies gelingen kann, wünsche ich mir auch, dass es uns allen gelingt, das Thema Traditionsbildung und -pflege in der Luftwaffe zu entfrachten, sowohl von emotional geführten als auch von gelegentlich verklärenden Debatten.