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Tradition heute - was geht?

Rev. September 2017

Bundeskanzler Konrad Adenauer am 03.12.1952 im Deutschen Bundestag: “Ich möchte vor diesem Hohen Hause im Namen der Bundesregierung erklären, dass wir alle Waffenträger unseres Volkes, die im Namen der hohen soldatischen Überlieferung ehrenhaft zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft gekämpft haben, anerkennen.”

Dr. Volker Rühe, ehem. Bundesminister der Verteidigung, am 13.03.1997 im Deutschen Bundestag: “Tradition ist die bewusste Auswahl von Ereignissen und Menschen, von Haltung und Taten, die beispielgebend sind. Die Werteordnung des Grundgesetzes ist dafür Orientierungsrahmen. Ein solches Verständnis lässt Raum, vorbildliche soldatische Haltung und hervorragende militärische Leistungen aus allen Epochen der deutschen Militärgeschichte in die Tradition der Bundeswehr zu übernehmen.”

Dr. Hans Apel (SPD), ehem. Bundesminister der Verteidigung und Herausgeber des gültigen (sogenannten) “Traditionserlasses” für die Bundeswehr von 1982, in der Deutschen Militärzeitschrift (2005) zur Frage `soldatisches Vorbild und Wehrmacht´: “ ... Diese Art von Tabuisierung, die sich über unsere Geschichte legt, ist für mich immer schwerer erträglich. Natürlich müssen die Verbrechen der Nationalsozialisten scharf verurteilt werden - das ist auch für mich nicht debattierbar. Aber daß es auf der anderen Seite in diesem Krieg auf deutscher Seite untadelige Helden gab, die dann nach 1945 als solche Namensgeber von Kasernen und Bundeswehreinheiten wurden, das ist normal. Mit solchen Tabuisierungen können wir großen Flurschaden anrichten. Damit erschweren wir vor allem der jungen Generation den Zugang zur eigenen Geschichte. Die können dann wählen zwischen `political correctness´ und Rechtsextremismus und diese Wahl ist - mit Verlaub - beschissen.”

Werner Mölders, 10.06.1932 (19 Jahre alt, Fahnenjunker-Unteroffizier), in seinem Tagebuch: “Ein Interesse gab es für mich. Und das waren die Menschen. Unter den Menschen zu leben und unter ihnen zu wirken, für sie zu arbeiten und sie zu führen ... ist die Freude meines Lebens.”

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Wenn heute über die Weiterentwicklung von Tradition gestritten wird, geht es meist um Fragen zur deutschen Außen- und Militärpolitik, zur Rolle von deutschen Streitkräften sowie - immer wieder alles überstrahlend - um die tatsächliche oder nur angenommene Verstrickung in den Nationalsozialismus.

Die Wiederbewaffnung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich unter anhaltenden politischen Auseinandersetzungen. Über Parteigrenzen hinweg kam das Selbstverständnis der Streitkräfte - und damit ihre Traditionsbildung - bei jeder Gelegenheit auf den Prüfstand, in den Medien wie im Parlament. Kein anderer Bereich der Traditionspflege und -bildung wird in Deutschland bis heute gleichermaßen scharf und mit Argwohn beobachtet.

Anfang der 80er Jahre verlangten Fragen zum Traditionsverständnis der Bundeswehr neue Antworten, die vom Verteidigungsminister 1982 in Form von Richtlinien (sogenannter “Traditionserlass”) veröffentlicht wurden. Damit wird jedoch nicht geregelt, wie sich die militärische Führung der Traditionsbildung und -pflege als wesentlichem Führungsmittel bedienen soll und inwieweit die politisch Verantwortlichen eine aus dem soldatischen Berufsethos entwickelte Traditionsbildung unterstützen.

Der Erlass von 1982 wurde in einem Traditionsverständnis geschrieben, das - unter dem Gebot der Vereinbarkeit mit Grundgesetz und Innerer Führung - Kontinuität in der Traditionsbildung zulässt und keinen Teil der deutschen Geschichte ausblendet (Nr. 5 des Erlasses). Dieses Grundverständnis hat noch für Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) gegolten.

Die Entfernung von Werner Mölders durch Verteidigungsminister Dr. Struck (SPD) aus der Bundeswehrtradition im Jahr 2005 und die Umstände, die dazu geführt haben, waren ein politisch gewollter Traditionsruch (siehe Der Bruch). Unter Berufung auf eine umstrittene Entschließung des Deutschen Bundestages von 1998 wurde damit - einmalig in der parlamentarischen Geschichte der Bundesrepublik -  allen Soldaten einer Wehrmacht-Formation jegliches ehrendes Gedenken abgesprochen und zwar ausdrücklich ohne Rücksicht darauf, ob sie selbst in Völkerrechtsverletzungen oder andere Verbrechen verstrickt waren. Dies widerspricht nicht nur unserem Rechtsgrundsatz, dass Schuld nachgewiesen werden muss, sondern ist auch ein Erfolg für die sozialistische Antifa-Propaganda, die alle Wehrmachtsoldaten zu Verbrechern stempelt (Kollektivschuldthese), sofern sie nicht - etwa in sowjetischer Gefangenschaft - zum Sozialismus gefunden haben.

In der daraufhin mit starker öffentlicher Resonanz geführten Traditionsdebatte wurde die Entscheidung zur Traditionswürdigkeit Mölders´ auch nach dem Regierungswechsel nicht zurückgezogen; in Beantwortung von Kleinen Anfragen der Linken hat die Bundesregierung in 2007 aber ausgeführt: “Die Bundesregierung bleibt bei ihrer ... Auffassung ..., dass Traditionsbildung und -pflege als ein Prozess werteorientierter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu verstehen ist. Diese Auseinandersetzung verlangt nicht ideologisch begründete Behauptungen, sondern eine wissenschaftlich fundierte, differenzierte und historisch angemessene Befassung.” In derselben Antwort wird auch auf Nr. 6 des Traditionserlasses Bezug genommen, in der es heißt: “In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich kann Tradition nicht begründen.”

Die wichtigsten Folgerungen hieraus sind, dass die Auswahl von traditionsgebenden Persönlichkeiten und Vorgängen der Wehrmacht auf den Einzelfall beschränkt bleibt, z.B. auf Offiziere im Widerstand gegen Hitler, und herausragende militärische Leistung für sich genommen keine Aufnahme in die Tradition rechtfertigt. Allerdings kommen auch - mit unterschiedlicher historischer Begründung -  weder die Reichswehr noch die kaiserliche Armee als Traditionsgeber in Frage. Die Traditionswürdigkeit von, beispielsweise, Boelcke, Immelmann und Richthofen wird dadurch nicht erschüttert, sondern auf ihre jeweils besondere Persönlichkeit und Leistung zurückgeführt.

Mit Blick auf Persönlichkeiten, die für die Traditionsbildung der Bundeswehr in Betracht kommen können, hat - in der erwähnten Antwort der Bundesregierung enthalten - der Parlamentarische Staatssekretär Schmidt (CSU) anlässlich der Jahresversammlung des Fördervereins Invalidenfriedhof e.V. am 23.06.2006 erklärt: “An der Unterschiedlichkeit der Lebensläufe auch anderer in dieser dunklen Zeit Deutschlands zur Ruhe Gebetteter, lässt sich ablesen, wie vielschichtig die Beurteilungen von Schicksalen in ihrer jeweiligen Zeit sein können. Kopf an Kopf mit der Grabstätte Ernst Udets, den Carl Zuckmayer als “Des Teufels General” beschrieben hat, liegt ein Offizier des Jagdgeschwaders Richthofen, der frühzeitig durch ein ausserordentliches Talent als Flieger von sich reden machte. So dauerte es nicht lange, bis er wie manch andere - man muss wohl sagen - weitgehend unpolitischen Idole seiner Zeit vom NS-Regime instrumentalisiert wurde. Dennoch ...  persönlich und charakterlich zeichnet diesen Mann sehr wohl ein auf christlicher Grundüberzeugung basierendes Wesen aus. Ich spreche von Werner Mölders. ...”

Als nach der Ministerentscheidung zu Mölders die militärische Führung auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, einer Wiege der Nachkriegsluftwaffe, nicht nur das Straßenschild mit dessen Namen entfernen ließ, sondern gleich alle Schilder mit Namen hervorragender deutscher wie ausländischer Flieger, wurde der Parlamentarische Staatssekretär Pflüger (CDU) in der WELT vom 28.03.2006 interviewt und so wiedergegeben: ”Es gibt keine Namenstürmerei.” Die Bundeswehr sei sich bewusst, dass sie Tradition brauche. Wenn es Probleme mit Namen gebe, “kann man der Diskussion nicht ausweichen, indem man alle Namen abhängt.” Man müsse die Diskussion im Einzelfall führen, auch im Bewusstsein der damaligen Zeit und ohne Selbstgerechtigkeit. Es gehe nicht um Political Correctness, sondern um Traditionspflege, die militärische Leistung anerkenne. Die Namensgeber dürften aber nicht in Verbrechen verstrickt sein.

Als Bekräftigung dieses Traditionsverständnisses wird die Rede von Verteidigungsminister Dr. Jung (CDU) vor der 32. Militärhistoriker-Konferenz verstanden, in der er für die Auswahl von Orientierung gebenden Beispielen und Vorbildern auf ethische Hochstapelei verzichtete: Er wandte sich gegen ideologische Verblendung und rückte den Soldaten als Kämpfer, der in der Bundeswehr als Armee im Einsatz auch das militärische Vorbild braucht, mehr nach vorne. Siehe hierzu den Artikel der FAZ vom 21.08.2006 Jung wirbt für Kämpfer. Der Minister hat sich aber nicht zur praktischen Umsetzung seiner Vorstellungen eingelassen und damit der Truppe wie der Öffentlichkeit die erforderliche Leitlinie und Massgabe vorenthalten. Die simple Drei-Säulen-Theorie (siehe Drei Säulen), mit der ein einengendes Verständnis von Geschichte und Tradition einhergeht, wurde schliesslich auch von ihm übernommen; sie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

Von Verteidigungsminister de Maizière war zu erwarten, dass er seine Auffassung alsbald verdeutlichen würde, denn Fragen zur Tradition müssen immer wieder neu gestellt und in ihren Zusammenhängen erklärt werden. Die Aussetzung des Grundwehrdienstes, von den meisten Bürgern als Aufgabe der Wehrpflicht empfunden, verändert die deutschen Streitkräfte so grundlegend, dass solche Wegweisung unabweisbar nötig ist. Dazu gilt:

Tradition erschöpft sich nicht im Zeigen von Symbolen, in Namensgebungen oder Gedenkveranstaltungen, sondern muss zielgerichtetes, prinzipientreues Denken und Handeln unterstützen. Sie hilft für Situationen vorzusorgen, bei denen es, womöglich unter vielfältigem Stress und Zeitdruck, auf Gemeinschaftsgeist und Handlungssicherheit ankommt. Sie nutzt zwar das Erbe der Vergangenheit, ist aber der Zukunft zugewandt: Nicht “so waren wir”, sondern “so wollen wir sein” und “wir wollen so sein, weil...”! Daher muss die Bundeswehrtradition dem Soldaten eine militärische Leitvorstellung vermitteln! Dies zielt nach innen, weil Tradition gelebt werden muss; die Außendarstellung ist eine sekundäre Aufgabe.

Anläßlich der Neueröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr am 14.10.2011 in Dresden hat der Minister seine Auffassung (siehe Thomas de Maizière) dargelegt; soweit sie Akzeptanz findet, stärkt sie die Linien der Traditionsbildung und -pflege, die von der MoeldersInfo verfolgt werden. Wie Ministerin von der Leyen die Tradition der Bundeswehr entwickeln will, ist in den ersten drei Jahren ihrer Amtszeit nicht deutlich geworden. Ihr umstrittener Versuch eines Neuansatzes ist noch nicht eindeutig einzuschätzen (siehe Ursula von der Leyen ). 

Zur Auseinandersetzung mit der Traditionsbildung gehört,  Gegenpositionen wahrzunehmen. Dazu wird in der MöldersInfo auch auf die antifaschistische Propaganda (Antifa) eingegangen, insbesondere zu ihrer Wirkungsweise im Fall Mölders. Sie beruht auf Geschichtsfälschung und entstammt historisch dem “real existierenden Sozialismus” der ehemaligen Sowjetunion in der Auseinandersetzung mit dem “kapitalistischen Lager”, gut nachvollziehbar am Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs in den 30er Jahren (siehe Guernica). Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt zur Antifa im Jahr 2009 allgemein aus: “... Daher richtet sich der Antifaschismus ... gegen den Staat (gemeint ist Deutschland) und seine Vertreter, insbesondere Angehörige der Sicherheitsbehörden.“ Ein Beispiel ist die Forderung der LINKEN im Wahlkampf 2013 “Geheimdienste abschaffen”; jede Schwächung der Nachrichtendienste würde links als Erfolg verbucht werden. Wes Geistes Kind die Antifa-Agitatoren sind, zeigt schlaglichtartig  Glosse 1.09 .

Zu den Gegenpositionen gehört ebenso der von führenden evangelischen Theologen vertretene Pazifismus, der grundsätzlich nicht mit der sicherheitspolitischen Einbettung der Deutschlands in die westliche Wertegemeinschaft vereinbar ist. Dies zeigt sich konkret am Beispiel der Predigten und Äußerungen der damaligen Bischöfin Margot Käßmann von Ende 2009 (siehe Blinder Pazifismus). Evangelischen Soldaten wird von ihrer Kirchenleitung ein Gewissenskonflikt aufgenötigt: Sie müssen sich zwischen dem Staat (und seiner Sicherheitspolitik) oder der Kirche (und ihrer Lehre) entscheiden.

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