Web Design
Traditionspflege der Streitkräfte

Vorbemerkungen

Diese Seite bleibt vorerst eine “Beta-Version”, denn Traditionspflege umfasst den praktischen Umgang mit  der historischen Überlieferung und zeigt sich vielfältiger als das Thema Traditionsbildung. Allerdings gehören beide zusammen: Traditionen, die sich bilden, sind nichts wert, wenn sie nicht gepflegt, nicht praktiziert werden. Dies gilt auch für die Tradition der Streitkräfte, auf die sich die MöldersInfo hauptsächlich richtet. Im folgenden liegt ein Schwerpunkt auf der Luftwaffe, denn sie steht mit dem Fall Mölders und mit den jüngsten politischen Vorstößen, die ihre bisherige Traditionspflege einschränken sollen, im Vordergrund vieler Diskussionen.

Der Traditionserlass des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 1982 ist das einzige weisungsgebende Dokument der Ministeriumsleitung, das eine grundlegende Leitvorstellung zur Traditionsbildung und -pflege beschreibt. Von wenigen Eck- und Anhaltspunkten abgesehen, bleibt der Erlass aber vieles schuldig, wonach sich Verantwortlichkeiten und Handlungbedarf für die Streitkräfte konkret bestimmen ließen. Bisher fehlt eine schlüssige, in der Truppe umzusetzende Vorgabe, welche Traditionen gepflegt werden sollen und wie dies wahrzunehmen ist. Dementsprechend sieht das Bild der Traditionspflege in den Streitkräften scheckig aus; wie Tradition gelebt wird, reicht von “fast gar nicht” bis “im täglichen Dienst präsent”.

Traditionsbestand der Bundeswehr

Es gibt einen großen Traditionsbestand für die Bundeswehr als Ganzes. Dazu gehören bekannte Symbole, beispielsweise das Eiserne Kreuz, die Farben Schwarz-Rot-Gold, die Inschrift auf dem Koppelschloss “Einigkeit, Recht, Freiheit” und sogar der (von den Janitscharen übernommene) Schellenbaum der Musikkorps. Sie gehen hauptsächlich zurück auf das 19. Jahrhundert - so auf die Befreiungskriege Anfang des Jahrhunderts (siehe Drei Säulen, Erinnerungskultur) und auf das Streben nach demokratischer Mitwirkung der Bürger in den Jahrzehnten danach. Diese Symbole sind im Dienst wie beim Auftreten in der Öffentlichkeit stets sichtbar. Ihre Bedeutung wird in der Bundeswehr vermittelt.

Starke Symbolwirkung entfaltet immer wieder der ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Große Zapfenstreich. Er wird bei besonderen Anlässen gespielt und verweist nicht nur auf unsere lange Militärgeschichte, sondern mit dem gemeinsamen Gebet auch auf die notwendige ethische Bindung der Soldaten und die christliche Tradition Deutschlands. Er unterstreicht mit den verwendeten historischen Signalen und dem Exerzieren der angetretenen Truppe Zusammenhalt und Disziplin, die in den Streitkräften herrschen müssen. Obwohl der Große Zapfenstreich nach Inhalt und Form ein aufschlussreiches Traditionselement ist und ganz in unsere Gegenwart passt, wurde er oft als unnötiger Pomp und aus “vordemokratischer Zeit” stammend kritisiert. Das ist politischen Vorbehalten gegenüber unseren Streitkräften oder der Geringschätzung ihres Dienstes zuzuschreiben. Aber die Truppe braucht solche identitätsstiftende Möglichkeit, sich öffentlich zu zeigen, und  militärische Führung wie politische Leitung können darauf nicht verzichten.

Es gehört zu den guten Gepflogenheiten der Bundeswehr, zu militärischen Anlässen und Veranstaltungen zivile Bürger einzuladen. Das ist in der Militärgeschichte gewiss nichts Neues, geschieht bei der Bundeswehr aber bewusst und regelmäßig. Die Streitkräfte geben damit Einblick in den militärischen Dienst - z.B. wenn bei einem feierlichen Appell der Kommandeur zu seiner Truppe spricht - und sie unterstreichen ihr Selbstverständnis als Teil der Gesellschaft. Bei solchen - und vielen weiteren - Gelegenheiten legen sie gegenüber den Bürgern zwar keine Rechenschaft in rechtlichem Sinne ab, zeigen aber ihre Haltung und Leistungsfähigkeit. Das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform, ein Kernbestandteil der militärischen Nachkriegstradition, bezieht sich nicht bloß auf den einzelnen Soldaten, sondern drückt sich auch im Auftreten und Verhalten von Truppenteilen aus.

Dagegen wurde bei der Entfernung von Werner Mölders aus der Bundeswehrtradition im Jahr 2005 verstoßen: Grundlage hierfür war eine Weisung des Verteidigungsministers, der gegenüber der Witwe Mölders ausdrücklich versichert hatte, dass es allein um die Befolgung eines Bundestagsbeschlusses von 1998 gehe und keine in der Person ihres Mannes liegenden Gründe gebe. Letzteres erfuhren die Bürger zunächst nicht: Um den Namen aus der Tradition zu tilgen, wurde für das - von der Ministerweisung praktisch allein betroffene - Jagdgeschwader 74 ein militärischer Appell angesetzt und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Unmittelbar danach haben Angehörige der Ministeriumsleitung Mölders öffentlich diffamiert, um dessen Entfernung aus der Tradition zu rechtfertigen (siehe Dossier). Parteipolitik!

Der militärische Widerstand gegen Hitler und sein Regime gehört zur Tradition der Bundeswehr, wird im politischen Raum oft beschrieben und als Indiz für ein “anderes Deutschland” gewertet. In den Streikträften wird der “Aufstand der Offiziere” als ethisch-moralische Orientierung begriffen und im Rahmen der Inneren Führung gewürdigt. Es ist sicher richtig, diesen Widerstand in erster Linie als nationale Tradition zu sehen; die Streitkräfte gliedern sich hierbei ein. Die MöldersInfo kommentiert dies in Drei Säulen. Ein diskussionswürdiger Punkt ist das jährliche öffentliche Gelöbnis am 20. Juli, das in der Tradition des Widerstands stattfindet. Aus welchem Grund: Ist der Dienst in unserer gefestigten Demokratie nahe an den ethisch-moralischen und humanitären Grenzen, die der NS-Staat überschritten hat? Oder die Bundespolitik, so dass man die Soldaten warnen muss? Reicht der Bezug auf das Grundgesetz nicht aus, z.B. auf das dortige Verbot des Angriffskriegs oder auf den Vorrang der allgemeinen Regeln des Völkerrechts vor den Gesetzen?  Die Diskrepanz zwischen der Gewissensnot, die zum Aufstand führte, und dem Dienst heute ist einfach zu groß. Auch hierzu Drei Säulen.

Tradition der Teilstreitkräfte

Die Teilstreitkräfte der Bundeswehr pflegen eigene Traditionen. So ist die Marine stolz auf die “erste deutsche Marine”, deren Aufstellung vom Deutschen Bund 1848 beschlossen worden war und unter der schwarz-rot-goldenen Flagge fuhr. Ihre Kampfkraft war zwar bescheiden und blieb hinter dem maritimen Potential größerer Seemächte zurück. Ihre Gründung war aber nicht nur militärische Notwendigkeit, sondern auch Ausdruck nationaler Gesinnung im Deutschen Bund: Die Nachteile und Risiken seiner Unterlegenheit auf den Meeren wurden als Schmach empfunden, was politisch bis Anfang des 20. Jahrhunderts nachwirkte. Die schwarz-rot-goldene Flagge wurde 1871 durch schwarz-weiß-rot ersetzt und wird erst seit Aufstellung der Bundeswehr wieder geführt. Ein besonderes Instrument der maritimen Traditionspflege sind die jährlichen HiTaTa (Historisch-taktische Tagungen) der Marine; der Begriff hat sogar Eingang in die Wikipedia gefunden. In diesen Tagungen, hauptsächlich für die Offiziere der Flotte, wird Seekriegsgeschichte nachgezeichnet und u.a. die Entwicklung maritimer Operationsführung analysiert. Die Entstehung der HiTaTa ist ein eigentümliches Stück Nachkriegsgeschichte; hier nur dieser Hinweis: Sie wurde von Anfang an nicht nur militärfachlich, sondern auch als Mittel gelebter Innerer Führung begriffen.

Die Luftwaffe kann sich nicht auf eine vergleichbare Historie stützen. Luftstreitkräfte haben zwar im ersten Weltkrieg Bedeutung erlangt, aber als eigene Teilstreitkraft wurden sie erst 1935 unter der Führung von Hermann Göring aufgestellt. Ihr wurde eine umfassende Zuständigkeit für die “dritte Dimension” zugewiesen; beispielsweise war ihr auch die Fallschirmtruppe unterstellt. Ein avantgardistischer Ansatz, der bei anderen Nationen keine Nachahmer fand und auch in der Bundeswehr nicht verwirklicht wurde!

Bis 1936 wurde die Luftwaffe nach den kriegstheoretischen Vorstellungen von General Wever geplant; sie sollte offensiv gegen die “Kraftquellen” des Gegners eingesetzt werden. Damit waren wichtige militärische Ziele, kriegsrelevante Infrastruktur und die strategischen Reserven gemeint; Letztere sollten am Erreichen des Gefechtsfeldes gehindert werden. Die Zivilbevölkerung und deren Lebensgrundlagen waren nicht Teil dieser Konzeption, im Gegensatz zur Lehre des Italieners Douhet, nach der die Moral und der Durchhaltewille der Zivilbevölkerung gebrochen werden sollte. Dies wurde bei der Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg praktiziert (siehe Wahrhaftigkeit, Abschnitt “Deutschland und England”). 1937, nach dem Tod Wevers, änderte sich die Planung der deutschen Luftwaffe, nicht zuletzt aus Kostengründen, und ihr Schwerpunkt lag nun auf der Unterstützung der Landstreitkräfte. Die deutschen Luftstreitkräfte erlangten nicht die strategischen Fähigkeiten, die in Wevers Konzeption vorgesehen waren, bei den alliierten Kriegsgegnern jedoch realisiert wurden (dazu Anmerkungen zur Luftschlacht um England in Traditionswürdig - Offizier im Krieg). Bei der Aufstellung der Bundeswehr war der Luftwaffe neben der Luftverteidigung vor allem die Unterstützung der Landstreitkräfte auf dem Gefechtsfeld zugedacht (Himmeroder Denkschrift). Dies verkannte den rasanten technischen Fortschritt der Nachkriegszeit, der es zunehmend ermöglichte, den Gegner in der Tiefe des Raumes zu fassen und so seine Operationsfreiheit einzuschränken; mit Strahlflugzeugen dem einzelnen Panzer auf dem Gefechtsfeld “hinterher zu jagen” war kaum noch sinnvoll. Hinzu kam als neues Element die Option, Atomwaffen einzusetzen.

Die Luftwaffe schloss in ihren konzeptionellen Vorstellungen nach 1956 nicht an die Himmeroder Denkschrift, sondern  bei Wever an und setzte sich damit allmählich durch. Das war eine Konsequenz aus dem Wechsel der NATO-Strategie von “massiver Vergeltung” zu “flexibler Reaktion” (1966/67), der von den Luftstreitkräften Fähigkeiten forderte, die auch Wever geplant hatte. Und es war die logische Folge der direkten Unterstellung aller Luftwaffen-Kampfverbände unter NATO-Kommando; damit verbunden war die Forderung an Deutschland, adäquate Kräfte zur Verfügung zu stellen. Sogenannte strategische Kräfte, z.B. schwere Bomber, wurden zwar nicht beschafft - sie werden nötigenfalls durch verbündete Luftstreitkräfte eingesetzt -, aber die Ausrichtung der Luftwaffe auf ein breites Aufgabenspektrum schaffte Flexibilität zur Krisenbewältigung und für die Bündnisverteidigung.

Das Ringen um die Rolle von Luftstreitkräften in Krise und Krieg hat die alte und die neue Luftwaffe wesentlich geprägt. Nach dem Krieg ist ein modernes Verständnis von Luftkriegsoperationen entstanden, das die Luftwaffe z.B. an der Führungsakademie der Bundeswehr vermittelt und in der NATO mit den Verbündeten fortentwickelt. Der Anspruch, an der Spitze dieser Entwicklungen mitzuwirken, ist ein Hauptbestandteil ihres Selbstverständnisses.

Der Blick von innen und von außen erzeugt zwei verschiedene Bilder. 2006 wurde das 50-jährige Bestehen der Luftwaffe von Verteidigungsminister Jung in einer Rede gewürdigt. Bei solcher Gelegenheit sollte naturgemäß deren Entwicklung und Leistung aus fünf Jahrzehnten im Vordergrund stehen, zumal grundlegende Fähigkeiten der Luftwaffe erst in diesen Jahren entstanden sind - beispielsweise mit der starken Flugabwehrraketentruppe, die es vorher gar nicht gab. Hingegen führte der Minister als prominentesten Punkt aus, dass die Luftwaffe in den 30er Jahren von der nationalsozialistisch dominierten Führung “geschaffen, gefördert und später zugrunde gerichtet worden” sei. Es sei offensichtlich, dass schon aus diesem Grunde die heutige Luftwaffe in ihrer Tradition nicht bruchlos an ihre Vorgängerin anschließen kann. Das wird nicht bestritten, trifft aber für alle Teilstreitkräfte zu: Nicht nur die Luftwaffe, die gesamte Wehrmacht ging 1935 aus der Reichswehr hervor und wurde fortan gefördert!

Immerhin würdigte Jung “die kriegsgedienten Soldaten der alten Luftwaffe, die von 1956 an die neue Luftwaffe aufbauten.” Diese Aufbaugeneration habe die entsetzliche Erfahrung gemacht, mit größter Tapferkeit einem verbrecherischen System “zu lange treu gedient” zu haben. “Zu lange” wörtlich verstanden: Ist diesen Luftwaffen-Soldaten vorzuhalten, dass sie nicht kollektiv in den Widerstand gegangen oder desertiert sind? Welche Skepsis gegenüber der heutigen Luftwaffe drückt sich hier aus - weil Göring als zweiter Mann im NS-Regime den Oberbefehl über die damalige Luftwaffe hatte, seine Position mit Glanz und Gloria zelebrierte und besonders die Jagdflieger für die Propaganda missbrauchte? Das wäre absurd. Aber man merkt, dass Jung in eingefahrenen Denkweisen stecken blieb.

Sein abschließendes Lob war zwar richtig, aber recht allgemein: 50 Jahre erfolgreiche Auftragserfüllung “zum Schutz Deutschlands als freiheitlicher, demokratischer Rechtsstaat rechtfertigen es, mehr und mehr auch auf die eigenen Erfolge zurückzublicken - dazu gehören vor allem das glückliche Ende des Kalten Kriegs und die deutsche Einheit.” Der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt Jung hat mit seiner Rede die Öffentlichkeit politisch (und rückwärtsgewandt) angesprochen. Zur Traditionsbildung und -pflege der Luftwaffe, zu ihrem Selbstverständnis als moderne Luftstreitkräfte hat er nicht beigetragen.

Mit dem Fall Mölders und der jetzigen Debatte über die Benennung von Kasernen nach ehemaligen Fliegeroffizieren (siehe Ursula von der Leyen) stand und steht die Luftwaffen-Tradition in der Kritik. Auch Heer und Marine ergeht es so und Umbenennungen sind dort in einer Reihe von Fällen erfolgt. Die “Bereinigung” der Tradition durch Tilgung von Namen erscheint als einfacher Ausweg, um unerwünschte politische Diskussionen zu beenden. Es ist falsch und schadet der Moral der Truppe, wenn dies ohne solide historische Begründung angewiesen wird. Dabei garantieren die üblichen Kurzgutachten aus dem früheren MGFA, heute ZMSBw, nicht die Entscheidungssicherheit, die für Eingriffe in den bisherigen Traditionsbestand nötig ist - eine nicht nur in der MöldersInfo öffentlich geäußerte Kritik (siehe Dossier und Diskussionen im Blog “Augen geradeaus!”). Wenn sich erweist, dass ein Namensgeber nicht den Anforderungen des Traditionserlasses genügt und dies überzeugend vermittelt wird, werden politische Leitung und militärische Führung auf Einsicht und Akzeptanz der Truppe rechnen können - aber nur dann.

Die Traditionspflege der Steitkräfte findet großenteils - vielleicht sogar größtenteils - außerhalb der militärischen Organisation statt, normalerweise jedoch im Zusammenwirken mit den militärischen Dienststellen. In der Luftwaffe gibt es wie in den anderen Teilstreitkräften viele Vereinigungen, die sich in unterschiedlicher Weise der “großen” oder “kleinen” Tradition annehmen. Dies reicht von lockeren Gemeinschaften ohne Vereinsstatus und ohne WebSite bis zu gut organisierten eingetragenen Vereinen mit eigener militärhistorischer Arbeit und starkem Internetauftritt. Vielfach wirken sie in die zivile Gesellschaft hinein; einige pflegen weitreichende internationale Verbindungen. Allen gemeinsam ist, dass die Kriegsgeneration in ihnen keine aktive Rolle mehr spielt - die Biologie wirkt! Gleichwohl existieren weiterhin Gemeinschaften, die mit der Initiative von Kriegsgedienten gegründet wurden, naturgemäß mit zeitgemäßen Anpassungen und stärkerem “Erbe” der ersten Bundeswehr-Generationen.

Zu den herausragenden, bundesweit organisierten Vereinigungen gehört die Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte (früher: Gemeinschaft der Jagdflieger), deren Namenswechsel nicht nur eine Verbreiterung ihrer Mitgliederbasis erkennen lässt. Sie hat sich auch den Fliegern der Nationalen Volksarmee geöffnet - unter denselben Kriterien, die für “westliche” Mitglieder gelten. In früheren Jahrzehnten bot die Gemeinschaft den jüngeren Mitgliedern Gelegenheit, hervorragende Fliegeroffiziere der alten Luftwaffe persönlich kennenzulernen. Geschichte wurde gewissermaßen im “Originalton” vermittelt, eben durch Zeitzeugen und nicht nur nach Aktenlage. Diese Überlieferung wird in der Gemeinschaft verfügbar gehalten. Bei ihren jährlichen Zusammenkünften kommen auch grundlegende Themen der Traditionsbildung und -pflege auf die Tagesordnung. Dazu zwei Beispiele, die Rede von Generalleutnant a.D. Bernhard zur Erinnerungskultur (2009, Rede_Friedrichroda) und die Ausführungen des Inspekteurs der Luftwaffe zur Traditionsbildung (Luftwaffe 2012).

Eine jüngere, erst vor wenigen Jahren gegründete Traditionsgemeinschaft ist aus der Flugabwehrraketentruppe hervorgegangen. Sie sieht sich zwar in der Nachfolge der früheren Flugabwehrtruppen, aber die von ihr gepflegte Überlieferung ergibt sich weitaus überwiegend aus der Nachkriegsgeschichte: Die technische Entwicklung erlaubte erst seit den 50er Jahren die fortschreitende Aufstellung von Raketenverbänden, die zum Schutz des gesamten eigenen Luftraums, gegen Angriffe aus allen Flughöhen und gegen alle Luftbedrohungen der Zeit eingesetzt werden konnten. Während des Kalten Krieges wurden diese Verbände unter NATO-Kommando ständig in hoher Bereitschaft gehalten. Sie gewährleisteten den “Grundschutz” vor Luftangriffen des Warschauer Paktes. Später ist die Abwehr ballistischer Raketen zum Aufgabenspektrum hinzugekommen. Die Gemeinschaft zieht ihr Selbstverständnis insbesondere aus der im Bündnisvergleich stets nachgewiesenen hohen Leistungsfähigkeit während des Ost-West-Gegensatzes, der hochentwickelten Raketenabwehr und aus den bisherigen Kriseneinsätzen.

Die Mölders-Vereinigung ist ein eingetragener Verein, deren Mitgliedschaft sich über das Bundesgebiet verteilt. Die Aberkennung des Traditionsnamens “Mölders” durch Verteidigungsminister Struck im Jahr 2005 war für das damalige Jagdgeschwader 74 ein schwerer Schlag und ging auch an der Vereinigung nicht spurlos vorbei. Ein Artikel aus der Geschwaderzeitschrift “Der Mölderianer” ist ein Indiz für den Nachhall dieser Entscheidung, fünf Jahre nach der Ministerentscheidung (siehe Der Mölderianer). Aber die Entscheidung Strucks, dass die bewährte Zusammenarbeit zwischen Geschwader und Vereinigung fortgeführt werden darf (siehe Dossier), wurde von beiden Seiten genutzt. Anders als der Vereinsname vermuten lässt, ist die Vereinssatzung nicht hauptsächlich auf die Pflege der Mölders-Tradition ausgerichtet, sondern auf die Unterstützung der Traditionspflege allgemein, den Zusammenhalt zwischen den Generationen der ehemaligen und aktiven Geschwaderangehörigen sowie auf die Stärkung der Verbundenheit zwischen Geschwader und Öffentlichkeit. So trägt die Vereinigung wesentlich zur Gestaltung der militärgeschichtlichen Sammlung des Geschwaders bei - der Hauptanteil der Exponate kommt längst aus der Bundeswehr-Zeit -, zur Führung der Geschwaderchronik und zur Herausgabe der Geschwaderzeitschrift “Der Mölderianer”.

Beim Heer gibt es eine große Zahl von Traditionsgemeinschaften, die sich der Erinnerung an die vielen im Zuge der Streitkräftereduzierungen aufgelösten Verbände und Großverbände widmen - wie bei Marine und Luftwaffe. Aus den Gemeinschaften der Truppengattungen (Artillerie, Panzertruppen, Infanterie ...) wird hier der Bund deutscher Pioniere e.V. herausgegriffen (www.bdpi.org), Beispiel für eine lebendige Vereinigung von Aktiven wie Ehemaligen, mit aufschlussreichem Internetauftritt, eigener Verbandszeitschrift und Öffentlichkeitsarbeit. Allerdings wirken sich auch beim BdPi Veränderungen aus  - militärische wie gesellschaftliche. So bewirkt der deutliche Rückzug der Bundeswehr aus der “Fläche”, dass in den davon betroffenen Regionen Nachwuchs schwer zu gewinnen ist und immer weniger Mitglieder für ehrenamtliches Engagement Verfügung zu stehen. In der Ulmer Pionierkameradschaft führte dies zur Frage der Vereinsauflösung; sie wurde endgültig beschlossen, als der bis dahin in der Kaserne genutzte Raum für die Unterbringung von Flüchtlingen gebraucht wurde und Ersatz nicht möglich war. Insoweit ein Einzelfall; aber: Jeder Verlust an bewährter militärischer Traditionspflege ist auch ein Verlust für die Stellung der Streitkräfte in der Gesellschaft.

Schlussbemerkungen

Das Kapitel Traditionspflege wird hier nicht erschöpfend behandelt. Es geht zunächst darum, schlaglichtartig einen Eindruck zu vermitteln, wie Traditionspflege der Streitkräfte aussieht: Sie ist vielfältig, eher dezentral als “von oben” gelenkt, wird weitgehend privat wahrgenommen, ist meist mehr Pflege von Kameradschaft und Zusammenhalt als historisches Seminar oder Bekenntnis, lässt Ideologien nicht aufkommen. Das Wichtigste: In den Streitkräften und den Traditionsgemeinschaften wird die militärische Überlieferung gepflegt. Sie wird dort gewissermaßen “konsolidiert” und entwickelt sich zum Selbstverständnis der Truppe, d.h. der gesamten Streitkräfte, von Teilstreitkräften, deren Truppengattungen oder Verbänden. Ein gesundes Selbstverständnis entsteht nur, soweit eine kontinuierliche, langfristige Entwicklung zugelassen wird. Es entzieht sich tagespolitischer Opportunität und fordert der Führung bzw. Leitung Gelassenheit ab - und Einfühlungsvermögen in das Wesen des Soldatenberufs.