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Traditionswürdig - Offizier im Krieg

rev. 06.2016

Es besteht kein allgemeines Einvernehmen darüber, wie sich Tradition bilden soll, wenn es um Persönlichkeiten und Vorgänge des 20. Jahrhunderts geht. Wo Ideologen walten, ist ein solches Einvernehmen auch nicht erreichbar. Am weitesten kommt man mit einem prinzipiellen Vorgehen: Traditionsgebende Persönlichkeiten sollen Leitvorstellungen verdeutlichen, die wir heute haben. Wir bewerten im Rückblick, was diese Persönlichkeiten ausmacht. Um ihnen gerecht zu werden, muss man sie zuerst in ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhang sehen. Was hat ein Mensch zu Lebzeiten gewusst, wie hat er sich auf die Zeitumstände eingelassen, was hat er gewollt und was konnte er unter den herrschenden Umständen erreichen?

Auf Werner Mölders trifft die besondere Konstellation zu, dass er vor der national-sozialistischen Machtübernahme in die Reichswehr eingetreten ist und zehn Jahre später im November 1941, vor dem Holocaust und bevor der Ostfeldzug sich zum Vernichtungskrieg steigerte, den Tod fand. Das Mölders-Bild zeigt keinen großen Strategen oder Armeeführer, sondern einen Soldaten mit seiner herausragenden Leistung im Kampf, seinem beispielgebenden Verhalten als Vorgesetzter, seiner Vaterlandsliebe und Haltung als Christ unter einem atheistischen Regime. Sein Erfolg im Luftkampf, mit dem ihn die NS-Propaganda publikumswirksam zum “Fliegerhelden” machte, wurde später von anderen Jagdfliegern weit übertroffen. Kennzeichnender sind Mölders´ Tapferkeit und Einsatzwille, die Abschätzung und Begrenzung des Einsatzrisikos sowie die Motivation seiner Truppe, im Kampf gegen den Luftgegner jeden Tag wieder an die Grenzen des Möglichen zu gehen. Daher ist dieser Artikel Werner Mölders als Offizier im Kriege gewidmet.  Hierzu gibt neben dem, was Zeitzeugen und vor allem Weggefährten beigetragen haben, der Rückgriff auf seine schriftlichen Überlieferungen Aufschluss. Eine ausführlichere Begründung, warum die Mölders-Tradition richtig war und heute noch gerechtfertigt ist, findet sich in dem Artikel Traditionswürdig .

Mölders´ Tagebuchnotizen, die in Kriegszeiten entstanden sind, wurden 1941 von Fritz von Forell in dem Buch “Mölders und seine Männer” verarbeitet. Sie reichen bis zur Luftschlacht um England. Die Originale sind nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgetaucht. Überliefert ist aber das Tagebuch aus der Zeit 1932 bis 1936. Darin hält Mölders Gedanken fest, die ihn bis zum Tod geleitet haben. Er schreibt über seine Hoffnung, dass Hitler Deutschland zu früherer Geltung führt und dem seinerzeit erstarkenden Kommunismus entgegentritt. Er hofft auf eine  konstruktive Koexistenz von NS-Regime und Katholizismus; seine Hoffnung gründet sich auf das 1933 geschlossene Konkordat zwischen Deutschem Reich und katholischer Kirche. Allerdings schreibt der 20-Jährige Offizieranwärter noch im September 1933, wenn Hitler “die katholische Religion heute mit Gewalt vernichten wollte, so würde ich im Kampf gegen ihn für meine Religion mein Leben einsetzen.”

Mölders akzeptierte die Tatsache, dass Hitler die Macht gegeben war, Deutschland zu regieren, aber nicht mehr! Zu einer Politik, die auf Expansion und Angriffskrieg setzt, hatte er eine klare Sicht. Er schreibt dazu im August 1933: “... Ins Grenzenlose gesteckte Ziele scheitern an der Begrenztheit der Mittel. Überschreiten der Grenzen und Einfall einer mächtigen Nation in das Gebiet eines Nachbarstaates hat bei diesem die Besinnung auf die eigene Kraft zur Folge und ist der Grundstock für den Niedergang des einst Mächtigen ... .”

In diesem Tagebuch, in den zahlreichen privaten und dienstlichen Briefen wie auch in Publikationen über sein Leben findet sich absolut nichts, was auf eine Annäherung Mölders´ an die NS-Ideologie hindeutet. Es gibt keine abfälligen Bemerkungen über Juden, weder im Sinne des rassistischen Anti-Semitismus noch des christlich-religiösen Anti-Judaismus, der damals in den Kirchen nicht überwunden war. Rassische Minderwertigkeit, die in der NS-Ideologie dem “Nicht-Germanischen” unterstellt wurde, kommt bei ihm nicht vor - nicht einmal als Nebenbemerkung oder Stammtischparole. Den Gegensatz zwischen den ethisch-moralischen Vorstellungen und dem Dienst unter den Bedingungen von Diktatur und Polizeistaat ertrug Mölders auf seine Weise: Er trennte strikt zwischen dienstlichen Aufgaben und privaten Auffassungen. Ebenso verfuhr er im Praktizieren seines Glaubens. Er hatte sich - so zeigt es das Tagebuch - entschieden, seine Soldatenpflicht zu tun und bei politischen Fehlentwicklungen, gegen die er nichts unternehmen konnte, auf Gott zu vertrauen.

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Mölders war als Jugendlicher entschlossen, Offizier zu werden. Überliefert sind idealistische Gedanken zum Dienen und zur Menschenführung in einer großen Gemeinschaft, wozu er in seinem Tagebuch schwärmerische Formulierungen findet. Zum Krieg mit seinen Entbehrungen und dem höchstmöglichen Opfer, dem eigenen Leben, findet sich dort nichts, obwohl sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Mölders hat ihn nur als Kleinkind erlebt. Offenbar empfand er den militärischen Dienst als Selbstverständlichkeit, wie es in der damaligen Zeit trotz aller Weltkriegserfahrung der vorherrschenden bürgerlichen Sichtweise entsprach.

Mölders gefestigte Vaterlandsliebe war mitentscheidend bei der Berufswahl. Unklar ist das Gewicht weiterer Faktoren: So der Militärdienst von Vater und Fritz von Forell - einem Verwandten, der nach dem 1. Weltkrieg unter extremen Umständen aus der Kriegsgefangenschaft (Stichwort: Soweit die Füße tragen) geflohen war und sich um die Halbwaise Werner kümmerte. Oder die Aussicht auf ein geordnetes Leben in der Reichswehr. Auch die wirtschaftliche Absicherung in der sozialen Misere der Weimarer Republik. Jedenfalls wurde Mölders 1931 als Offiziersanwärter in die Reichswehr, die Armee der ersten deutschen Demokratie, aufgenommen. Die Möglichkeit, an der damals noch geheimen fliegerischen Ausbildung teilzunehmen, wurde ihm angetragen. Er hat dem aus technischem Interesse zugestimmt, sah sich aber in erster Linie nicht als Flieger, sondern als angehenden Offizier.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ändern sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland grundlegend. Mölders absolviert in dieser Zeit die Offizier- und Fliegerausbildung großenteils in der “Provinz” abseits vom Geschehen der großen Städte. Ab 1934 ändern sich aber auch für ihn die beruflichen Gegebenheiten wesentlich. Die Soldaten werden auf den “Führer” vereidigt. Die Reichswehr wird mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 aufgelöst, ihre Soldaten werden in die neu aufgestellte Wehrmacht überführt. Mölders, zum Leutnant befördert, gehört zu der von Göring geschaffenen Teilstreitkraft “Luftwaffe”, die es bis dahin nicht gab und die in einem heute nicht vorstellbaren Tempo aufgebaut wurde.

Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands

Der erste militärische Einsatz, an dem Mölders teilnahm, kam 1936. Die Wehrmacht besetzte das entmilitarisierte Rheinland und die Luftwaffe flog auf den dortigen Flugplätzen ein. Durch regen Flugverkehr wurde militärische Stärke vorgetäuscht. Eine entschlossene Reaktion der Siegermächte des Ersten Weltkriegs hätte dies als “Bluff” enttarnt. Der Erfolg gab der Reichs- und Wehrmachtsführung recht. Mölders Tagebuchnotizen zeigen, dass ihm der kühne Plan und sein guter Ausgang gefallen haben.

Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Ausweitung der präsenten Streitkräfte über die der Reichswehr vorgegebene Obergrenze von 100.000 Soldaten hinaus, die Aufstellung der Luftwaffe und die Besetzung des Rheinlands waren einzeln und erst recht in ihrer Gesamtheit ein gewollter, massiver Bruch des Versailler Diktats, des als ungerecht und entwürdigend empfundenen Friedensvertrages am Ende des Ersten Weltkriegs. Das Deutsche Reich meldete sich als “vollwertige” Nation in der europäischen Politik zurück - so sahen es die meisten Bürger. Mölders hat darin die Erfüllung einer Erwartung gesehen, die er anfangs mit dem Machtwechsel 1933 verbunden hatte: Deutschland sollte wieder die unabhängige und stolze Nation werden, die es einmal war.

Spanischer Bürgerkrieg

Ebenfalls 1936, im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin, griff das Deutsche Reich mit der Legion Condor auf Seiten des späteren Generalissimo Franco in den Spanischen Bürgerkrieg ein. Die Italiener stellten das stärkste Kräftekontingent für Franco, hauptsächlich Landstreitkräfte. Auf der Gegenseite, der sozialistischen Volksfrontregierung, kämpften ebenfalls ausländische, vor allem sowjetische Kräfte. Im Luftkrieg kam neben den spanischen Fliegern der deutschen Legion Condor und den sowjetischen Kräften die größte Bedeutung zu. Deutsche und sowjetische Besatzungen kämpften oft direkt gegeneinander - eine besondere Situation, denn die geheimen Vorbereitungen zur Aufstellung der deutschen Luftwaffe wenige Jahre zuvor wären ohne sowjetische Hilfe kaum möglich gewesen. Dennoch: Der Ausbreitung des Kommunismus in Europa entgegenzutreten, war für die deutschen Soldaten wohl die politische Zielsetzung, die am ehesten als Begründung für den Kriegseintritt verstanden werden konnte. Eine offene, groß angelegte Kriegspropaganda gegen den Kommunismus wurde von der Reichsregierung dazu jedoch nicht betrieben.

Mölders hatte viel Zeit, über den Spanischen Bürgerkrieg nachzudenken, bevor er 1938 selbst nach Spanien abkommandiert wurde. Die heute noch vorhandenen Tagebuchnotizen enden aber schon 1936 und - abgesehen von seinem Beitrag zur Entwicklung moderner Luftkampf-Taktik - ist über ihn nicht viel Aufschlussreiches aus dem Spanischen Bürgerkrieg überliefert. Allerdings hatte er den “Bolschewismus”, den sowjetischen Kommunismus, schon Jahre zuvor in seinem Tagebuch als größte Gefahr für die Menschheit beschrieben und daran wird sich angesichts der sowjetischen Einflussnahme in Spanien nichts geändert haben. 11 der 14 von Mölders in Spanien abgeschossenen Flugzeuge waren sowjetische Ratas.

Mölders wurde der erfolgreichste deutsche Jagdflieger im Spanischen Bürgerkrieg. Seine Staffel und die anderen mit der neuen Messerschmitt Bf 109 ausgerüsteten Jagdstaffeln der Legion Condor haben endgültig die Luftüberlegenheit errungen und und einen entsprechenden Anteil am Sieg der so genannten “Nationalisten” unter Franco. Die  verbreitete Vorstellung, dass vor allem der Einsatz von Luftstreitkräften den Spanischen Bürgerkrieg entschieden habe, trifft aber nicht zu; die Landstreitkräfte haben die Hauptlast der militärischen Operationen getragen. Der von der Antifa-Propaganda erweckte Eindruck, dass insbesondere von deutscher Seite massenhaft Bomber, vor allem moderne Typen wie Sturzkampfbomber, flächenhafte Verwüstungen angerichtet haben, ist eine absichtliche Verfälschung der bekannten Fakten (siehe Guernica mit der Anlage “Vor und nach dem Angriff” sowie Dossier mit der Anlage “Corbera d´Ebre”). Mölders´ Perspektive war ohnehin die einer Duell-Situation: Eine Formation von Jagdfliegern gegen eine Anzahl feindlicher Kampfflugzeuge! Gelegentlich, z.B. beim Aufsuchen eines Schlachtfeldes nach Beendigung der Kampfhandlungen, konnte er - auch ausgebildeter Heeresoffizier - die Folgen der Artillerie- und Bombereinsätze unmittelbar begutachten. Aus den dabei gewonnenen Eindrücken zog er Vertrauen in die wachsende Kampfkraft der Wehrmacht. Nach der Beteiligung an der Rheinland-Besetzung musste Mölders der Erfolg im Spanischen Bürgerkrieg darin bestärken, dass er im Soldatenberuf zu wichtigen Zielen beitragen kann: Selbstbehauptung Deutschlands in Europa und Eindämmung des Bolschewismus.

Zweiter Weltkrieg

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Dezember 1938 und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 wertete Mölders, zum Reichsluftfahrtministerium kommandiert, seine Erfahrungen aus dem Spanien-Einsatz aus und übernahm wiederum eine fliegende Staffel. Abgesehen von der Herstellung der Einsatzbereitschaft seiner Staffel war er nicht an den Kriegsvorbereitungen von Reich und Wehrmacht beteiligt.

Die ideologisch-strategische Zielsetzung Hitlers musste in jedem Fall zum Krieg gegen Osteuropa führen. Die Öffentlichkeit und auch die Masse der Wehrmachtsoffiziere hatten jedoch ein anderes, von der NS-Propaganda vermitteltes Lagebild: Polen behindere den Zugang zu der unter Völkerbundmandat stehenden deutschen Stadt Danzig, verweigere Verhandlungen über einen frei nutzbaren Landkorridor zwischen Pommern und Ostpreußen, trete aufkommender Drangsalierung von Deutschstämmigen nicht entgegen, lasse nationalistischer Kriegshetze gegen Deutschland  freien Lauf und bereite eine Mobilisierung seiner Streitkräfte vor. In der damaligen propagandistisch aufgeladenen Situation reichte dies als Kriegsgrund. Allerdings gab es, anders als zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, keine nationale Welle der Unterstützung für den deutschen Kriegseinsatz.

Aufgrund des Angriffs auf Polen erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. Damit war klar, dass Deutschland sich im Westen in der Defensive befand und dort verteidigen musste.

Mölders war am Angriff auf Polen nicht beteiligt, sondern wurde an der Westfront eingesetzt. Die von Braatz herausgegebene Biographie gibt Aufschluss, wie Mölders sich - inzwischen Gruppenkommandeur - auf die extremen Anforderungen des Luftkriegs einstellte. Er bewährte sich herausragend und zwar als Jagdflieger, als taktischer Führer und besonders auch in der Menschenführung: Was er zuvor in der einfacheren Stellung als Staffelkapitän bei verschiedenen Truppenteilen und Aufgabenstellungen gelernt und praktiziert hatte, übertrug er ohne Bruch auf seine Führungsebene als Gruppenkommandeur. Die Persönlichkeit Mölders´ zeigt sich auch im Respekt für den tapfer kämpfenden Gegner. Er selbst kämpfte mit aller Konsequenz. Braatz vermutet, dass Mölders Genugtuung für den Tod des Vaters 1915 suchte, aber dafür gibt es keinen Beleg. Belegt ist jedoch, dass er sich für die Begnadigung eines französischen Milizionärs einsetzte, der ihn nach einem Abschuss gefangen nahm und misshandelte, deswegen nach der Kapitulation Frankreichs von einem deutschen Militärgericht zu langjähriger Haft verurteilt wurde (siehe Der Franzose).

Luftschlacht um England

Der Kampf gegen den Gegner in der Luftschlacht um England war härter als der gegen die französischen Luftstreitkräfte. Die Schlacht war von Hitler und Göring als eine Mischung aus politischer Einschüchterung und nachhaltiger Schwächung des  britischen Kriegspotentials angelegt. Wäre sie erfolgreich gewesen, hätte dies eine Invasion Großbritanniens durch die Wehrmacht ermöglichen können - aber die war trotz gegenteiliger Regierungspropaganda nicht ernsthaft gewollt. Sie hätte auch der vorrangigen strategischen Zielsetzung Hitlers nicht entsprochen.

Obwohl die deutschen Flieger zeitweilig erfolgreich gegen die britischen Luftstreitkräfte operierten, mussten sie schwere Verluste hinnehmen. Dies wirkte sich negativ auf die personellen und materiellen Ressourcen aus, die eigentlich zur Weiterentwicklung der Luftwaffe und für ihren späteren Einsatz benötigt wurden: Das Ergebnis einer falschen strategischen Schwerpunktbildung Hitlers und Görings! Letztlich “überlebte” das britische Kriegspotential in einer Stärke, die Großbritannien wesentlich zum späteren Sieg über das Deutsche Reich beitragen ließ. Das Ergebnis überrascht nicht, denn in der Luftschlacht um England mangelte es der deutschen Luftwaffe an schweren Bombern und Langstreckenjägern. Und die vorhandenen Kampfflugzeuge wurden oft nicht ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt, blieben daher hinter ihren Wirkungsmöglichkeiten zurück.

Mölders war die strategische Situation in diesen Monaten nicht bewusst. Aus seiner Sicht - als Major und nun Kommodore eines kampfstarken Geschwaders - überwogen die deutschen Erfolge die Verluste. Er erwartete, dass Großbritannien niedergerungen wird, wie es die Propaganda in Aussicht stellte. Allerdings hatte er - frühzeitig über dem Kanal abgeschossen, auf der eigenen Seite notgelandet und durch Geschoßsplitter verletzt - Zeit, sich nicht nur der Geschwaderführung am Boden zu widmen, sondern auch die Lage auf taktischer Ebene zu durchdenken. Nach seiner Genesung flog er wieder Einsätze und musste erleben, dass der geringe Einsatzerfolg der Bomber die militärische Führung dazu brachte, die Jäger in wenig wirksame Begleitschutzeinsätze zu zwingen. Das widersprach seinen eigenen und unter den Jagdfliegern anerkannten Erfahrungen aus Spanien und Frankreich wie auch aus der ersten Phase der Luftschlacht um England. Es gilt als sicher, dass Mölders seine Auffassung der Führung bis hin zu Göring unterbreitet hat.

Zwischen ihm und Göring hatte sich eine persönliche Verbindung aufgebaut, die für jeden Psychologen ein lohnendes Studienobjekt sein muss. Göring war nicht nur die skrupellose Nazi-Größe, wie wir sie aus der Rückschau kennen, sondern er konnte auch sehr fürsorglich und für Außenstehende gutbürgerlich sein. Die Initiative ging naturgemäß von Göring aus und ist großenteils mit Emmy Görings Brief vom 25.11.1941 an Luise Mölders zu erklären, wonach Mölders `der Sohn war, den wir nicht hatten´. Ob umgekehrt Göring für Mölders eine Art Vaterersatz war, wie Braatz vermutet, ist aus dem bekannten Nachlass nicht zu erkennen. Zweifellos bestand jedoch ein beiderseitiges Vertrauensverhältnis, das zum offenen Gespräch über das militärische Geschehen und die gewonnenen Erfahrungen taugte. Sicher nicht in der gleichen Intensität, bestand auch für andere - ältere wie jüngere - Flieger immer wieder die Möglichkeit, ihre Sichtweise dem “Reichsmarschall” direkt vorzutragen. Göring wollte einerseits im Kreise der Piloten als “alter Fliegerkamerad” wahrgenommen werden, andererseits unmittelbar “Rückmeldungen” aus der Truppe erhalten. Unklar ist, warum Göring die Erfahrungen seiner Flieger in der Luftschlacht um England nicht in die Tat umsetzte. Ebenso ist nicht bekannt, ob Mölders schon erste Zweifel an Görings Führung entwickelte. Er hat später, in der Ernüchterung des Russland-Feldzugs, die Erfahrungen aus den Operationen gegen England - die Schwächen der eigenen Kräfte und die unzureichende operative Führung in dieser Kriegsphase - aber nicht verdrängt, sondern für seine Führungs- und Stabsarbeit genutzt.

Die Gedanken- und Gefühlswelt, die Mölders damals durchlebte, war in erster Linie von der Härte im Luftkampf, von den Anforderungen des taktischen Einsatzes und den Pflichten in der Geschwaderführung geprägt. Emotional bewegt haben ihn besonders - das zeigen auch seine Briefe - der Einsatzwille und die professionelle Pflichterfüllung seiner Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, der kameradschaftliche Zusammenhalt und menschliche Umgang im Geschwader. Dies ist sicher Mölders´ Fähigkeit zur Menschenführung, der von ihm betriebenen - und von “oben” ermöglichten - Auswahl von Schlüsselpersonal sowie dem funktional ablaufenden Einsatzbetrieb zuzuschreiben: Militärische Hierarchie zählte; aber im Betriebsablauf aufeinander angewiesen zu sein, schuf nicht nur Respekt, sondern verlangte auch Zusammenarbeit unabhängig vom Dienstgrad. Zudem waren nicht nur, wie heute, Offiziere als Piloten eingesetzt, sondern auch niedrigere Dienstgrade. Der fliegende Vorgesetzte musste sich im Luftkampf bewähren, wenn er nicht nur kraft Amtes, sondern als Vorbild akzeptiert werden wollte. Der Einsatzerfolg des 27-jährigen Kommodores war unbestritten und sicherte ihm Respekt. Seine  Menschlichkeit und große Fürsorge passten zu dem notwendigen funktionalen Zusammenwirken im Verband. Sie sicherten ihm Vertrauen und Treue der Soldaten, die ihn untereinander “Vati Mölders” nannten. Ursprünglich aus anderem Zusammenhang stammend, war der Spitzname weit verbreitet und charakteristisch für  seinen Führungsstil. Dies muss man richtig einordnen: Was Mölders herausragen ließ, war in vergleichbaren Verbänden der Luftwaffe grundsätzlich ebenso nötig, wurde dort in ähnlicher Weise praktiziert und gehört zur Tradition in der deutschen Luftwaffe.

Bezeichnend ist auch, dass Mölders im Fronteinsatz stehend und nahe an Göring, bis zum Krieg die Nummer 2 im NS-Staat, sich offen für die Familie seines unter die Rassegesetze fallenden halbjüdischen Mitschülers Georg Küch einsetzte (siehe Küch-Briefe). Die der Familie gehörende Apotheke war im Visier von NS-Funktionären und damit stand die Lebensgrundlage der Küchs in Frage. Menschlichkeit gegenüber dem französischen Gegner, Treue gegenüber dem Freund: Dass es im Krieg leicht zur Verhärtung und sogar Verrohung kommt, ist eine unbestreitbare Erfahrung; dem Jagdflieger und Geschwaderkommodore Mölders ist sie nicht vorzuwerfen.

Es gehört zu den traurigen Pflichten eines Kommodores, die Familien über den Tod oder die Gefangennahme eines der ihren zu unterrichten. Auch wenn der Überlebenskampf das eigene Handeln bestimmt, Verluste im Einsatz verdrängt man nicht. Der Vorgesetzte muss dann für sich eine eindeutige Antwort haben, ob die Erfolge die Verluste rechtfertigen. Wenn er Verzagtheit zeigt oder nur fühlen lässt, gefährdet er den Einsatzerfolg und die Verluste steigen. Anders gesagt: Ohne Härte kann er nicht führen. Dem entkommt er auch nicht, wenn die eigene Familie betroffen ist. Mölders´ Bruder Victor, ebenfalls Fliegeroffizier in seinem Geschwader, wurde über Südostengland abgeschossen, blieb zwar unverletzt, kehrte aber erst nach Kriegsende aus der Gefangenschaft zurück. Mölders hat bei Gefallenen oder Vermissten sein Mitgefühl so ausgedrückt, wie es der Kommodore tun sollte - mit einer Differenzierung, die sich naturgemäß aus der persönlichen Nähe ergab. Aus seinen Briefen und aus Berichten über ihn ergibt sich aber kein klares Bild, inwieweit die Härte des Krieges ihn ernster, nachdenklicher und womöglich skeptischer gemacht hat. Allerdings berichtet der seinem Geschwader für ein Studienvorhaben zugeteilte Psychologe Skawran darüber, welche Sicherheit im Urteil und welche Reife der junge Kommodore zeigte -  sicherlich ein Kontrast zum Idealismus der jungen Jahre (siehe Innere Führung).

Die Informationspolitik ist im Krieg ein wichtiger Faktor, um die Moral der eigenen Truppe zu stärken, die Unterstützung der Bevölkerung zu erhalten und das Verhalten des Gegners zu beeinflussen. Sie ist von der Propaganda abzugrenzen, die auf Übertreibung, Idealisierung, Verdrängung, Fälschung und Täuschung setzt. Die professionell mit großem Apparat betriebene NS-Propaganda hat vorgemacht, wie man solche Mittel erfolgreich einsetzt - sogar dann noch, wenn die Wahrheit immer mehr zutage tritt, damals beispielsweise durch das Abhören ausländischer Rundfunksender. Bei den Kriegsgegnern betrieb vor allem Großbritannien massiv Propaganda, hatte es aber leichter, die Fakten in seinem Sinne zu deuten oder zu verschleiern.

Der NS-Apparat schaffte es zunächst nicht, öffentliche Begeisterung für die Luftschlacht um England zu wecken. Man verfiel schließlich darauf, sich der “Fliegerhelden” zu bemächtigen, die man als Garanten des militärischen Erfolgs darstellen konnte. So wurden jedem Geschwader Soldaten - im Zivilleben meist Journalisten - zugeteilt, die so genannten Propaganda-Kompanien angehörten und nun ständig unmittelbar von den Flugplätzen berichteten. Das ging so weit, dass der gerade aus dem Kampfeinsatz zurückgekehrte, erschöpfte Mölders nach dem Ausrollen noch im Cockpit interviewt wurde. In der aufbereiteten Fassung beschrieben die geschickt verbreiteten Berichte Bilder von tapferen und erfolgreichen Kämpfern, ohne ideologisch stark aufzutragen. Dies kam bei den Lesern an.

Mölders hat nicht mehr dazu getan, als den Interviewern knapp über die Einsätze und die Leistung des Verbandes zu berichten. Dies genügte der Propaganda-Führung nicht. Der so erfolgreiche, hoch dekorierte und in der Öffentlichkeit bereits bekannte Jagdflugzeugführer Mölders sollte mit einer Biographie als Muster eines modernen deutschen Offiziers präsentiert werden. Es gelang ihm, sich diesem Vorhaben zu entziehen. Er gewann Major Fritz von Forell (siehe oben) als Autor für die von ihm selbst genehmigte Biographie. Daraus entstand “Mölders und seine Männer”, wobei schon der Titel andeutet, dass es ihm neben der Leistung im Luftkampf  auf das Zusammenwirken und den Zusammenhalt des Verbandes ankam (Mölders-Brief an Forell: “Ich muss nicht auf jeder Seite vorkommen.”). Das Buch enthält auch Mölders´ Bekenntnis zum katholischen Glauben und zum Bund Neudeutschland, obwohl dieser schon 1938 aus ideologischem Grund vom Regime verboten worden war. Mölders relativierte das beabsichtigte Heldenbild, indem er den Erfolg beschreibt, den Misserfolg aber nicht auslässt und Gegnern Ebenbürtigkeit im Kampf zugesteht. Es wurde 1941 ein Publikumserfolg.

Russland-Feldzug

Nach dem Sieg über Frankreich und dem unrühmlichen Ende der Luftschlacht um England folgte Mitte 1941 der Angriff auf die Sowjetunion. Wiederum wurde Mölders nur kurzfristig in die Absicht der Führung eingeweiht und blieb zunächst als Oberstleutnant, dann als Oberst in der Funktion eines Geschwaderkommodore - anspruchsvoll, jedoch immer noch einer von vielen!

Der Russland-Feldzug war von Hitler und der Wehrmachtführung als Blitzkrieg angelegt. Mölders redete vor den versammelten Offizieren des Geschwaders aber schon vor Beginn der Offensive offen davon, dass man sich auf eine lange, verlustreiche Auseinandersetzung einstellen müsse. Der Russe - in der Sichtweise der NS-Ideologie eine Art “underdog” - sei ein harter Kämpfer, wobei Mölders auf seine Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg zurückgriff.

Das Geschwader war zum Schutz der eigenen Streitkräfte eingesetzt. Wiederum bewährte Mölders sich herausragend, erhielt schon einen Monat nach mehreren Abschüssen Frontflugverbot, wurde von der Front abgezogen und zum General der Jagdflieger ernannt (einschließlich der Zerstörer, Schlachtflieger und des Waffenwesens; heute vergleichbarer  Begriff: Inspizient). In dieser Funktion  hatte er dreieinhalb Monate bis zum Unfalltod im November 1941.

Mölders ließ seinen Stab verfügbares Zahlenmaterial aufbereiten, bereiste die Luftwaffenverbände und berichtete Göring über die Ergebnisse. Am wichtigsten war ihm die Schwäche der Luftverteidigung im Westen. Die deutschen Jäger hatten riesige Kriegsgebiete in Europa zu schützen und zudem war ein großer Teil für den Russland-Feldzug nach Osten verlegt worden. Göring sagte die Verstärkung im Westen zu, setzte sie aber erst weit später durch, als die Übermacht der anglo-amerikanischen Luftstreitkräfte dies erzwang und der Krieg im Osten offensichtlich nicht zu gewinnen war.

Mölders zeigte sich zunächst beeindruckt von dem schnellen Vorrücken der Wehrmacht in Russland, zumal dies kein Spaziergang war, sondern von Anfang an harte Kämpfe einschloss. Das Bild änderte sich dramatisch mit der Wetterverschlechterung im Herbst. Die Wehrmachtführung wollte die schnelle Umfassung Moskaus noch vor dem Winter, in der spekulativen Erwartung dass die Sowjetunion dann zerbrechen würde. Dies war angesichts der Wetter- und Geländebedingungen, die den Vormarsch mehr und mehr verlangsamten, sowie der inzwischen auf einer verkürzten “inneren Linie” operierenden sowjetischen Kräfte illusorisch. Ende Oktober 1941 war kurz vor Moskau Schluss!

Schon vor dem geplanten Vorstoß auf Moskau wurden Mölders die Auffächerung der eigenen Kräfte über große Räume, die schwindende Stoßkraft und die Risiken für die Durchhaltefähigkeit zunehmend bewusst. Als er im September 1941 den ihm vertrauten Kameraden und Geschwaderkommodore Trautloft aufsuchte, sagte er dem unverblümt, das “Hemd ist zu kurz”: Trautlofts Verband lag in der Nähe des belagerten Leningrads und der Kommodore wollte wissen, wann der Angriff auf  die Stadt erfolgen würde. Dafür reichten die Kräfte nicht mehr.

Oberstleutnant Janke aus Mölders´ Stab - ebenfalls ein Vertrauter aus früheren Tagen und mit Wintererfahrung aus der geheimen Luftwaffenausbildung in Russland Anfang der 30er Jahre - fasste Folgerungen aus der kritischen Lageentwicklung in einem zweiseitigen Papier zum bevorstehenden Wintereinsatz zusammen. Es wurde mit Genehmigung von Mölders nicht nur Göring, sondern auch Hitler sowie der Wehrmacht- und Heeresführung unmittelbar vorgelegt.

Braatz bewertet dies als  Bruch mit Göring; jedenfalls nahm Mölders auf seinen Gönner und Förderer keine Rücksicht, denn er sah trotz der Nähe zu Göring nicht, dass die Führung die tatsächliche Lage erkannte und darauf reagierte. Aber die ungewöhnliche Initiative des Generals der Jagdflieger hätte nur mit der Autorität Hitlers Wirkung entfalten können. Dessen Russland-Strategie war unflexibel und sah keine Alternativen vor. Sofortige Abhilfemassnahmen für die Misere des Wintereinsatzes gab es kaum. Und Göring hat mit dem ihm eigenen rhetorischen Geschick die Bedeutung des Papiers wohl heruntergespielt und sich bei Hitler herausgeredet. Anders lässt sich kaum erklären, dass er zwar mit Mölders über dessen Vorgehen sprach, auf drastische Sanktionen jedoch verzichtete. Allerdings übertrug er ihm Aufgaben an der südöstlichen Front, wo - wenn nicht gegen Moskau, wenigstens dort - ein Erfolg erzielt werden sollte, sicherlich mit Blick auf die in der Kaukasus-Region verfügbaren und dringend benötigten Ölressourcen. (Janke, der Verfasser des unwillkommenen Papiers, wurde von Göring “in den Senkel gestellt”, überlebte den Krieg aber im Stab einer Luftwaffendivision und wurde zum Zeitzeugen des Kriegsgeschehens. In der später gegründeten “Gemeinschaft der Jagdflieger” hielt er in den 50er/60er-Jahren Kontakt zu den Fliegern der neuen Luftwaffe.) Mölders ist zuzubilligen, dass er die mit seinem herausgehobenen Amt verbundene Verantwortung wahrgenommen hat und zwar wie er sie verstand, nicht nach dem Wunschdenken der Führung.

Mölders hat sich zum Schluss in der Ukraine aufgehalten, dort das Frontflugverbot ignoriert, weitere Abschüsse erzielt und die Taktik verbessert (Leitung von Luft-Boden-Einsätzen aus der Luft). Im Kampf um die Krim führte er die Luftoperationen gegen sowjetische Kräfte mit beachtlichem Erfolg. Er blieb aber länger als nötig an der südöstlichen Front; vermutlich zog es ihn nicht in die Nähe Görings und dessen Stabes. Mölders ist seit seiner Hochzeit Mitte September 1941 anscheinend nicht mehr in Deutschland gewesen. Erst zum Staatsbegräbnis Ernst Udets, der keinen Ausweg mehr sah und sich erschoss, wurde er zurückbeordert. Auf dem Flug dorthin verunglückte er als Fluggast beim Landeanflug auf Breslau.