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Welches Vorbild?

Der - hier etwas gestraffte - Artikel aus dem Frühjahr 2005 ist ein Beitrag zu der Diskussion, um welches Vorbild es geht - beispielgebende Persönlichkeiten allein zur politischen und staatsbürgerlichen Bildung oder auch solche Persönlichkeiten und Begebenheiten, die für den soldatischen Dienst militärische Orientierung geben.

Die Bundeswehr-Tradition gründet sich - öffentlich immer wieder betont - besonders auf das Wirken der Reformer in der preußischen Monarchie Anfang des 19. Jahrhunderts sowie auf die weitgehend national-konservativ geprägten Offiziere des 20. Juli; indessen ist dies weder aus historischer Sicht noch für die Aufgabenerfüllung der Bundeswehr-Soldaten leicht zu vermitteln. Hingegen stützt man sich kaum auf militärische Vorbilder. Als - nach eigenem Verständnis - “Armee im Einsatz” braucht die Bundeswehr jedoch mehr als zuvor auch den Rückhalt in militärischer Tradition. Diese Diskussion dauert an.

Mölders ist mehr als andere eine beispielgebende Persönlichkeit gewesen, deren Haltung und Leistung als Soldat unsere militärische Tradition bereichert. Lesen Sie die Begründung auf der folgenden Seite “Traditionswürdig!”.

 

Es ist eine erstaunliche Anzahl von Presseveröffentlichungen zur Traditionswürdigkeit von Werner Mölders erschienen; auch Fernseh- und Rundfunkberichte wurden ausgestrahlt. Mit der Weisung von Verteidigungsminister Dr Struck, die auf Mölders gründende Traditionspflege in der Bundeswehr abzubrechen, ist eine von Härte und Schärfe gekennzeichnete Diskussion über Zustandekommen, Ziel und Rechtfertigung der Ministerentscheidung aufgebrochen. Sie betrifft nicht nur den Einzelfall, sondern mehr noch die Grundsätze unserer Traditionsbildung. Die Verständigung über solche Grundsätze ist Voraussetzung für jede weithin akzeptierte Traditionsbildung. Die folgenden Anmerkungen sollen die Klärung der Grundsätze unterstützen.

Tradition ist mehr als die Überlieferung von Geschichte.

Im Idealfall sollte sie aber aus wissenschaftlich abgesicherter Geschichtsschreibung wie von selbst hervorgehen. Dem Ideal kann am nächsten kommen, wer bei der Suche und Auswahl von Fakten die eigene politische, ethische oder moralische Brille absetzen und persönliche Ambitionen zurückstellen kann. Der besondere Lebenslauf von Mölders im Dritten Reich hat jedoch neben einer eher unvoreingenommenen auch ideologisch gefärbte Überlieferungen provoziert. Da außerdem die Quellenlage nicht so reichlich bestückt ist, wie es wünschenswert wäre, kann eine einzelne Quelle kritisch für das Gesamtbild werden. Das läßt die Mühe und Sorgfalt erahnen, die eine wissenschaftlich haltbare Begründung von Tradition erfordert - aber gewiß nicht allein im Fall Mölders. Um hier nicht den Rahmen zu sprengen, befassen sich weitere Beiträge mit den zu Mölders existierenden Quellen.

Tradition bedeutet die Auswahl von historischen Vorgängen, kennzeichnenden Aussagen und Symbolen sowie vorbildlichen Persönlichkeiten, mit denen die eigene Zielsetzung, Ethik oder Moral verdeutlicht und die Verwurzelung in der Geschichte erklärt werden kann.

In der Bevölkerung kann Tradition wachsen, etwa als stiller Konsens einer Mehrheit; wo sie sich im staatlichen Verantwortungsbereich bilden soll, geht es immer um Führungsentscheidungen. So auch bei der Verleihung von Traditionsnamen an militärische Verbände. Es muß wohl nicht besonders begründet werden, daß es dafür der Öffentlichkeit bedarf, daß einleuchtende Erklärungen abzugeben sind und auch Kontinuität nötig ist. Nur mit einer langfristig angelegten Ausrichtung am ausgewählten Vorbild kann sich überhaupt eine wirksame Pflege der Tradition entwickeln, deren spätere Eigendynamik jedoch bedacht werden muß.

Die Auswahl traditionsgebender Teile unserer deutschen Geschichte fällt besonders schwer.

Liegt es an der politischen Kultur - zunächst muß man mit vehement vorgetragenen Totschlagsargumenten rechnen. Dies gilt nicht erst für Diskussionen über das Dritte Reich. Schon das 19. Jahrhundert wie auch die Zeit vor 1918 hätte mancher Eiferer mit der Wertung "vordemokratisch" gern aus der Traditionsgewinnung ausgeschlossen.

Allerdings: Im Angesicht von Zielsetzung, Wesen und Ausmaß der Verbrechen des NS-Regimes und der Unfähigkeit der Deutschen, dieses Regime aus eigener Kraft zu überwinden, fällt es für die Zeit nach 1933 weitaus schwerer, pauschaler Verurteilung entgegenzutreten sowie die Traditionswürdigkeit von Persönlichkeiten zu bestimmen und zu begründen. Es ist um so schwieriger, als personenbezogene Quellen nie hergeben, daß jemand in seinem Denken und Handeln unfehlbar war, oft aber Brüche im Lebenslauf oder Unzulängliches in der Persönlichkeit erkennen lassen. Übermenschliches sollte jedoch nicht verlangt werden; was unter dem Strich steht muß zählen. War es verdienstvoll, sollte dies das Urteil bestimmen. Ist es beispielgebend, sollte es Traditionswürdigkeit begründen können.

Die Auswahl traditionsgebender Persönlichkeiten muß auf der Beurteilung der "Lebensleistung" gründen.

Hier ist besonders von Menschen die Rede, die schon im Dritten Reich Verantwortung getragen haben. Öffentliche Äußerungen laufen oft auf zwei Gruppen hinaus, die sozusagen in einer Vorauswahl bestehen können: Persönlichkeiten, die sich um den Aufbau unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg verdient gemacht haben oder am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt waren.

In jüngerer Zeit hat eine Diskussion über den Auswärtigen Dienst die Problemlage aufgezeigt: Deutsche Diplomaten, die schon im Dritten Reich dienten oder einer NS-Organisation angehörten, haben später die Bundesrepublik würdig vertreten und sind dafür ausgezeichnet worden; überdies haben sie den diplomatischen Nachwuchs loyal in der deutschen Außenpolitik unterwiesen. Heute wird gefragt, ob nicht auch über denjenigen, deren NS-Vergangenheit stets bekannt war, der Stab gebrochen werden muß.

Die Männer des 20. Juli 1944 und viele Frauen und Männer, die auf andere Weise Widerstand geleistet haben, gehören zu unserer Tradition. Durch ihr Handeln haben sie uns Deutschen Ehre bewahrt. Die auf Widerstand gegen Hitler beruhende Traditionspflege der Bundeswehr ist eine Leistung, die dem ganzen Land dient. Aber es steht auch fest, daß es nach dem abgebrochenen Umsturzversuch von 1938 erst im Kriegsverlauf zu einem mehr und mehr entschlossenen, organisierten Widerstand gekommen ist. Wie ist die Erfüllung der Dienstpflichten der beteiligten Offiziere in der Zeit davor zu bewerten?

 Letztlich kann nur nach Lage des Einzelfalls entschieden werden, wieviel persönliche Mitverantwortung für das Wirken des NS-Regimes durch ein Eintreten für Menschlichkeit, Recht und Demokratie aufgewogen wird. Dazu sollten die "Filter" nicht in der Weise gesetzt werden, daß nur wenige Menschen im Dritten Reich überhaupt für eine Betrachtung der Traditionswürdigkeit in Frage kommen können.

Mölders hat "Anstand und Charakter in schwerer Zeit" bewahrt, wie es in einer Zeitungsanzeige ausgedrückt wurde: Dies muß gelten, selbst wenn der Weg zum Widerstand nicht gefunden wurde und - wie in seinem Fall - das frühe Lebensende die Frage nach der weiteren charakterlichen Bewährung offen läßt.

Die nötige Ermutigung, unter schwierigen Umständen Anstand und Charakter zu bewahren, jeder ideologischen Verführung zu widerstehen, kann nicht allein aus der letztlich kleinen Zahl und dem Opfer der im Dritten Reich zum Aufstand bereiten Verschwörer gewonnen werden. Die extreme Lage, in der die Verschwörer handelten, ist dafür zu weit entfernt von dem, womit sich der Bürger - ob zivil oder in Uniform - heute konfrontiert sieht. Die Lebenswirklichkeit und das unmittelbar Greifbare müssen für die Traditionsbildung mitbedacht werden.

Das militärische Vorbild soll traditionsgebend sein.

Indessen stellte der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes zu Mölders fest: "Militärisches Vorbild, aber nicht traditionsgebend". Da drängt sich die Frage auf, um welches Vorbild es denn geht, wenn einem Verband der Bundeswehr der Name einer herausragenden Persönlichkeit verliehen werden soll. Im militärischen Bereich ist es naturgemäß das militärische Vorbild mit seinem beispielgebenden Charakter und Handeln, das am einleuchtendsten vermittelt und für die Motivation im Gemeinschaftsleben wie für den Leistungswillen genutzt werden kann. Dieses wäre nicht außerhalb des Konzepts der Inneren Führung denkbar und deshalb ist keine gesonderte Unbedenklichkeitsbescheinigung nötig - wir sollten der Neigung zu doppelter Absicherung und übertriebener "political correctness" nicht nachgeben.

Was ist das Fazit?

Es kommt auf die historischen Quellen und ihre Auswertung an, wobei Vorgänge, Ereignisse und Personen in und aus ihrer Zeit erklärt werden müssen. Schon hier scheitert, wer die Verurteilung des NS-Regimes und dessen schwer begreifbarer Verbrechen nicht mit der nötigen Differenzierung im Einzelfall verbinden kann. Wir haben aber nicht das Recht, uns von denen zu distanzieren, die im Dritten Reich Menschlichkeit bewiesen und ihre Pflichten ohne persönliches Unrecht erfüllt haben. In diesem Sinne zählt die Lebensleistung, über die wir Heutigen urteilen um festzustellen, was unter dem Strich bleibt.

Dabei gilt:  Militärisches Vorbild reicht.